Ein Kuss – Leseprobe

Als Malins Hand sein Bein berührte, ärgerte sich er über sich selbst. Warum hatte er ihr nicht rechtzeitig gesagt, dass er nur eine freundschaftliche Begegnung im Sinn hatte? Er war naiv. Allerdings war er überrascht davon, Avancen von einer scheinbar netten, normalen Frau zu erhalten, nachdem sein verkorkstes Liebesleben öffentlich bekannt geworden war. Was hatte sie für Vorstellungen?
Trotzdem ließ er es zu, als ihre Lippen sich sanft auf seine legten und ihre Zunge sie teilten. Er schmeckte den herben und fruchtigen Wein in ihrem Mund, die Zunge war spitz, flink und zart. Er nahm hin, ohne den Kuss zu erwidern.
Als Malin ihren warmen Körper an ihn schmiegte, räusperte er sich.
„Ich muss dich warnen. Ich bin gerade in einer Trennung und nicht reif für eine neue Beziehung.“
„Wer spricht von einer Beziehung?“, murmelte sie und glitt mit den Fingern unter sein Shirt.
Bo seufzte. Sie war süß. „Darüber hinaus läuft meine Scheidung.“
Sie kicherte.
„Also du lässt dich von einer Frau scheiden und machst nebenbei mit einer anderen Schluss? Klingt, als hättest du viele Auswahlmöglichkeiten.“
Er musste lachen, als ihm klar wurde, dass sie ahnungslos war. Ihre Stimme, ihr Gesichtsausdruck wirkten so arglos und verblüfft, das konnte nicht gespielt sein.
Scheinbar hatte er es mit einer der seltenen Personen zu tun, die sich nicht für Klatschmeldungen interessierten. Möglicherweise gab es davon mehr, als ihm bewusst war. Es fühlte sich erfrischend an.
Er war selbst überrascht darüber, was er antwortete. „Ich mache nicht nur mit einer anderen Frau Schluss, sondern auch mit ihrem Mann.“
Malin setzte sich zurück und sah ihm in die Augen.
„Du machst Witze!“
„Leider nicht. Ich weiß nicht, warum ich dir das erzähle, tut mir leid. Du kannst sowieso alles im Internet nachlesen, wenn du Lust hast.“ Er wollte sich erheben, um zu gehen. Malin hielt ihn zurück.
„Vielleicht erzählst du es, weil du eigentlich niemanden fürs Bett brauchst, sondern jemanden zum Reden. Ich kann beides. Warte einen Moment.“
Sie verschwand in der Küche und stellte kurz darauf eine Schale mit Vanilleeis vor ihm ab.
„Bei Frauen hilft das.“
Bo lachte und griff nach dem Löffel. Dann besann er sich.
„Was machst du beruflich?“
„Ich bin Sozialarbeiterin in einem Jugendzentrum“, sagte sie erstaunt. „Warum fragst du?“
„Ich wollte sichergehen, dass du keine Reporterin bist“, antwortete er direkt. „Du hast auch keine Kontakte?“
Sie warf ihm einen pikierten Blick zu. „Nein. Bist du denn so interessant? Glaubst du, weil du ab und zu im Fernsehen zu sehen bist, ziehst du Paparazzi an, die dir im Fitnessstudio auflauern?“
Er versuchte, entschuldigend auszusehen. „Nein, nicht wirklich. Aber ich muss auf Nummer Sicher gehen.“
Sie sah noch etwas beleidigt aus, als sie jedoch selbst an einer Eisportion zu löffeln begann, entspannten sich ihre Züge.
„Also, ich fasse zusammen: Du bist noch verheiratet, hast dann aber etwas mit einem ganzen Ehepaar angefangen? Ist das der Grund für die Scheidung?“
„So ähnlich“, antwortete er zurückhaltend.
„Falls du reden willst, musst du mehr Informationen bieten“, sagte sie bestimmt. „Wenn nicht, dann lass mir mein Eis übrig.“
Er betrachtete sie und dachte nach. Ihr Blick war offen, sie hatte bisher nur einen freundlichen und aufgeweckten Eindruck auf ihn gemacht. Es tat ihm gut, wenn Menschen ihm zuhörten, sonst hätte er einen anderen Beruf ergriffen. Also lehnte er sich zurück und betrachtete die kreisförmigen Spuren, die sein Löffel im schmelzenden Eis hinterließ.
„Ja, das war im Wesentlichen der Grund für die Scheidung, allerdings habe ich nichts mit den beiden angefangen. Ich hatte es nur nicht ganz beendet gehabt, und das bekam meine Frau heraus. Dann wollte sie nichts mehr mit mir zu tun haben und versucht seitdem, mir unser Kind so gut wie möglich vorzuenthalten.
Vor meiner Ehe hatte ich bereits die Beziehung mit dem Paar geführt. Ich dachte, ich könnte ein normales Leben führen, als ich geheiratet habe. Das war ein Irrtum. Also ließ ich mich wieder auf die beiden ein. Die Krise jetzt hat nichts mit meiner Frau zu tun.“
Sie lachte kurz auf. „Dann danke ich dir, dass du nicht mit mir geschlafen hast. In diesem Stück gibt es mir ein paar Mitspieler zu viel, auf dieser Bühne will ich nicht stehen. Klingt, als hätte Shakespeare daraus etwas machen können. Fragt sich, ob Komödie oder Tragödie.“