Sneak Preview

Weihnachten in Dublin

Leise drehte ich den Schlüssel zur Wohnung in Rathmines um. Die Vorsicht war unnötig, erkannte ich sofort. Das Intro von „Fairytale of New York“ von den Pogues lief laut, Conor sang dazu. Mein Lieblingsweihnachtslied von meinem Lieblingsmann. Lächelnd ging ich ins Wohnzimmer. Er war beinahe damit fertig, den Weihnachtsbaum zu schmücken. Draußen war es dunkel, obwohl es erst 16 Uhr war. Die längste Nacht des Jahres, erinnerte ich mich.
Eine Bewegung machte Conor aufmerksam und er wandte sich um. Das Strahlen ließ sein ernstes Gesicht jungenhaft wirken. Er trat drei Schritte auf mich zu, nahm mich in den Arm und drehte uns im Walzerrhythmus zur Musik. An der Stelle des Songs, an der sich Mann und Frau beschimpften, sangen wir laut lachend mit.
Als das Lied zu Ende ging, verstärkte er seine Umarmung.
„Du bist zurück!“
„Habe ich mich am Telefon neulich irgendwie missverständlich ausgedrückt?“
Um ihm einen Überraschungsmoment zu bereiten, hatte ich nur gesagt, wir würden Weihnachten zusammen feiern, ohne das genaue Datum der Ankunft zu nennen. Dennoch hätte er mit mir rechnen müssen.
„Das letzte Mal wartete ich fünfundzwanzig Jahre. Ich musste es erleben, dass meine Fee dieses Mal zurückkommt.“
Wir küssten uns. Nicht er mich oder ich ihn, sondern wir uns, beide gleichermaßen ausgehungert nach der Nähe zum anderen. Doch wir ließen bald voneinander ab, setzten uns händchenhaltend auf die Couch und tauschten uns aus.
„Du hast alles erledigen können?“, versicherte sich Conor.
„Ja. Das Arbeitsverhältnis habe ich per Übereinkunft beendet. Aus der Wohnung habe ich mitgenommen, was mir wichtig ist, viel entrümpelt, die Möbel bekam Mama, die noch zwei Monate Zeit hat, bevor der Nachmieter einziehen wird. Die Brücken sind niedergebrannt, du musst mich behalten.“
Er küsste meinen Handrücken.
„Mit Vergnügen.“
„Dir ist klar, dass du ein finanzielles Risiko trägst, falls meine Pläne nicht funktionieren?“
„Ich dachte, ich hätte klargemacht, dass ich Geld dafür ausgeben will, so zu leben, wie es mir wichtig ist, nicht, um es zu horten.“
Sein Blick nahm mir alle Zweifel darüber, ob ich ihn ausnützte. Wir hatten es beide so entschieden.
„Dann musst du eben damit leben, einer freiberuflichen Journalistin durch schwierige Zeiten zu helfen. Für den Anfang habe ich mit meiner alten Redaktion ausgemacht, dass ich in einer Samstagsbeilage einen Bericht darüber schreiben darf, wie es sich als Deutsche in Dublin lebt. Eine Studienfreundin eines Kollegen arbeitet für ein Magazin. Sie haben mir den Auftrag erteilt, die beiden Seiten einer Hauptstadt mit einer halben Million Einwohnern zu zeigen: klein- und großstädtisch.“
„Ein Anfang“, sagte er und nickte anerkennend.
„Genau das ist es. Ein regelmäßiges Einkommen wird da nicht einfach werden.“
„Das bekommen wir hin.“
Ich ließ mich in die Kissen sinken und sah mich im Wohnraum um. In meiner Zeit in Deutschland hatten wir viel am Telefon geredet. Der Austausch mit ihm und die Distanz zu unserem Leben hier schenkte mir einen frischen Blick darauf. Es war nicht länger Conors Wohnung, sondern unsere gemeinsame. Der Gedanke löste eine warme Welle aus, die von meiner Brust in den Bauch floss. Ich fühlte mich schon jetzt wohl, freute mich aber darauf, wie sie im Laufe der Zeit mehr unseres gemeinsamen Lebens widerspiegeln würde. An einer Stelle tat sie es bereits. Über dem Kamin waren zwei Bilder dazugekommen: Eines von Aoife, ihm und mir in Athlone auf dem Hausboot. Das andere war aus 1989, das unsere Freundin von uns auf der Klippe in Dingle aufgenommen hatte. Ein junger Conor stand neben einer Teenager-Katrin, der Himmel strahlend blau, im Hintergrund der Atlantik mit Great Blasket. Wir hatten uns damals schon geliebt, ohne zu verstehen, auf welche Art.
Und dann weidete ich mich an seinem Anblick. Der Mann, der zu mir gehörte, den ich endlich wiedergefunden hatte. Egal wie unsere Leben verlaufen waren, sie hatten uns zu diesem Punkt geführt. Alles war gut.
„Wie sind die Pläne für die kommenden Tage?“, erkundigte ich mich. Das erste gemeinsame Weihnachtsfest bot die Gelegenheit auszuprobieren, aus was sich Traditionen formen ließen.
„Felim war ziemlich clever. Nachdem er gehört hat, in Deutschland feiert man an Heiligabend, hielt er es für eine gute Idee, dass die Jungs den Abend mit uns verbringen und nach deutschem Brauch die Geschenke bekommen. Dann wollen sie zu ihrer Mutter, um am nächsten Morgen die Päckchen unterm Baum dort zu öffnen.“
„Die Optimierung zweier Welten“, stellte ich lachend fest.
Das Frühstück mit Carrie hatte dafür gesorgt, dass wir mehr Verständnis füreinander hatten. Ich musste mich in dem Wunsch, für Conors Kinder eine Mutter zu sein, zurückhalten, sie dagegen in ihren Ängsten, ich könnte sie verdrängen. Vor meiner Abreise gelang es mir bereits, ihre guten Seiten wahrzunehmen. Den Jungs schien es zu gefallen, dass die Übergänge zwischen ihren Elternhäusern weicher wurden.
Wenn sie bei uns waren, genoss ich es sehr, Conor als liebenden Vater zu erleben und, obgleich in einer Sonderstellung, Teil einer Familie zu sein. Inzwischen schätzte ich es aber mindestens genauso, viel Zeit für uns als Paar zu haben. Er hatte mir am Telefon verraten, dass er das Positive an der Situation ebenso wahrnahm. Lange hatte er sich als Versager gefühlt, dem es nicht gelang, ein Familienleben zu führen, wie er es sich vorgestellt hatte.
„Ich sagte, das könnten wir machen“, riss er mich aus den Gedanken. „Am Weihnachtstag wünschen sich meine Eltern, dass wir nach Ballycarrick kommen. Ist das in Ordnung für dich?“
„Ja, gerne. Lorna ist auch da?“
„Das ist geplant, und Sally mit Mann und Kindern. Schade, dass der Rest von uns Geschwistern in alle Winde verstreut ist. Da darfst du dann mal Mas traditionelles gewürztes Rindfleisch kosten. Das kocht sie noch immer mit ihrem ganzen Herzen. Aber keine Angst, davon kommt nichts hinein.“
„Ich freue mich!“ Mit erhobenen Augenbrauen sah ich ihn fragend an. Er verstand.
„Am St. Stephen’s Day sind wir in Howth bei den Kennedys.“
„Sehr schön!“
In Deutschland hatte ich viele Textnachrichten mit Aoife ausgetauscht, doch ich vermisste sie und ihre Familie. Es hätte mich sehr enttäuscht, sie an Weihnachten gar nicht zu sehen. Conor wusste das.
„Das klingt alles wunderbar! Aber das heißt, wir haben nur wenig Zeit für uns alleine.“
Er stand auf, zog mich an sich, presste seinen Körper auf meinen und küsste mich leidenschaftlich. Währenddessen gingen die Hände auf Wanderschaft.
„So meinte ich das“, murmelte ich, als sich unsere Münder trennten.

Ich genoss die Ruhe, als Conor die Kinder an Heiligabend zu Carrie brachte. Felims Rechnung war aufgegangen: Vor ihren Freunden gaben sie damit an, dass sie zweimal Geschenke bekommen würden.
Sie hatten sich ein traditionelles deutsches Weihnachtsfest gewünscht, doch tatsächlich beschränkte es sich aufs Essen. Für Lieder und Ähnliches waren sie viel zu ungeduldig. Ich besorgte ihnen Würstchen und Senf in einem deutschen Supermarkt und machte einen Kartoffelsalat nach Omas Rezept, und alle waren glücklich.
„Vernünftige Einstellung“, murmelte Conor mir zu, als er mir beim Kartoffelschälen half, und deutete auf meine bescheidenen Festtagsvorbereitungen.
„Das ist die eine Fraktion. Die andere kocht Gänsebraten oder so etwas. Ich dachte mir, hiermit komme ich bei Felim, Kian und Shane besser an.“
„Das schätzt du richtig ein.“
Nach dem Essen waren sie über ihre Geschenke hergefallen und erreichten schnell ihren üblichen Geräuschpegel. Conor half beim Zusammenbauen von Spielsteinen, Bedienen des Kindercomputers, Anlegen von Fahrradhelmen und wirkte glücklich. Ob es wegen eines Weihnachtsfests mit seinen Kindern war oder da er Spielsachen benutzen durfte, wurde mir nicht klar. Allein als Felim die Nase neben mir auf dem Sofa in ein neues Buch steckte, fiel er aus dem Rahmen der lauten, lebhaften Gruppe.
Für den Nachhauseweg stiegen die Jungs gleichermaßen aufgedreht von ihren heutigen Geschenke wie über die Aussicht auf die morgigen ins Auto. Währenddessen räumte ich auf und hörte Radio, bis Conor zurückkam.
„Wann, denkst du, bekommt Carrie sie ins Bett?“, fragte ich nach der Begrüßung.
Er wiegte den Kopf hin und her.
„Drei Becher warme Milch mit Honig haben schon auf sie gewartet. Außerdem hilft die Aussicht, dass es ganz schnell morgen wird, wenn sie schlafen gehen. Carrie schafft das.“
Ich freute mich, dass er etwas Positives über seine Exfrau sagte.
„Wie geht der Abend für uns weiter?“, fragte ich ihn.
„Wie wäre es, wenn wir als Kompromiss zwischen Irland und Deutschland um Mitternacht die Geschenke austauschen? Das dauert nicht mehr lange.“
Ich lachte. „Das wird dann unsere erste Weihnachtstradition?“
„Gute Idee!“
Conor zündete ein Feuer in Kamin an, wir ließen die Lichter am Baum aufleuchten und legten uns zusammen auf das Sofa. Er kraulte mir ausgiebig den Kopf.
„Können wir das auch in die Weihnachtstradition mit aufnehmen?“, murmelte ich.
„Von mir aus. Eigentlich beneide ich dich nur um die Haare.“
„Am Anfang habe ich sie bei dir sehr vermisst, aber inzwischen finde ich, der Style passt zu dir. Du bist ein cooler IT-Manager, nicht mehr der süße irische Junge, den ich kennengelernt habe.“
Ich konnte sein Gesicht nicht sehen, fühlte jedoch am leisen Glucksen seines Brustkorbs, dass er lachte.
Um Mitternacht ging ich ins Schlafzimmer, um die Box voller Köder zu holen, die mir der kleine Andy besorgt hatte. Geschickterweise durfte ich sie in der Dubliner Filiale von Bradys Autohaus gestern abholen. Es gefiel mir, allmählich Teil der Brady-Familie zu werden. Conors Neffe hatte mir versichert, dass ich damit gut ankommen würde.
Tatsächlich war ihm die Freude und die Verblüffung über meinen Coup anzumerken. Amüsiert nahm er zur Kenntnis, welche Beziehungen ich dafür genutzt hatte.
„Und was bekomme ich?“, beschwerte ich mich schließlich jammervoll.
In seinem Gesicht konnte ich lesen, wie er sich darauf freute, mir seine Gabe zu überreichen. Es war ein Umschlag, den ich andächtig öffnete.
„Nein!“, rief ich.
„Doch!“, lachte er. „Tut mir leid, du bekommst nur das Dauernutzungsrecht, denn eigentlich ist es für mich, aber ich denke, es gefällt dir trotzdem.“
„Und wie!“
Es war die Kopie eines Kaufvertrags über ein, nein, unser Boot! Scheinbar hatte die Verleihfirma eines des Typs ausgemustert, auf dem wir im Sommer gereist waren, und verkauft. Conor hatte ein Hausboot auf dem Shannon gekauft!
„Ich werde verrückt! Ist das nicht viel zu teuer?“
Er seufzte. „Kannst du aufhören, ständig ans Geld zu denken? Ist das so ein deutsches Ding, immer nach Steinen im Weg zu suchen? Es war bezahlbar, weil es gebraucht ist. Ich bekam dieses Jahr einen Bonus, den ich dafür verwenden konnte, sei beruhigt.“
„Willst du das denn nicht für die Ausbildung deiner Kinder sparen?“
„Ist noch Zeit bis dahin. Außerdem müssen sie ja nicht unbedingt an einem teuren College in den Staaten studieren. Auch mit einem Studium in Irland kann man was anfangen, habe ich gehört.“
„Wo soll es liegen?“
„In Ballycarrick natürlich, in Andys Hafen ist schon ein Platz reserviert.“ Er lächelte selbstzufrieden. „Da fügt sich eines zum anderen. Carrie hat mir verraten, dass sie und Brendan tatsächlich in die Midlands ziehen werden. Es war ein gewisses Risiko, dass alles aufgeht, weil wir parallel daran gearbeitet haben. Sie haben ein Haus mit Werkstatt für ihn in einem kleinen Ort zwischen Ballycarrick und Athlone gefunden. Carrie will sich bei IT-Firmen in der Umgebung bewerben, meine Mutter und Sally sagten, sie würden sich zuverlässig um die Jungs kümmern. Und wir werden sie am Wochenende besuchen und haben auf dem Boot unser eigenes kleines Reich, mit dem wir auch noch Ausflüge unternehmen können.“
„Das ist genial! Die Größe ist perfekt für unsere Zwecke mit fünf Betten in zwei Schlafkabinen. Vielleicht können wir ja auch Mal mit den Kennedys reisen?“
„So hatte ich das im Kopf.“