Leseprobe zum Roadmovie

1. Prolog

Benita:
Ein weiterer Arbeitstag. Benita arbeitete an der Statistik. Ihr Kopf war beschäftigt, ihr Intellekt gelangweilt.
Ihre Gedanken schweiften zu den Figuren der Serie, die sie auf Netflix gerade am liebsten mochte. Erst gestern hatte sie den Liebeswirrwarr der Freundinnen beobachtet, ihre Schildkröte neben sich auf der Couch. Esmeralda schien es auf dem Möbelstück zu gefallen. Vielleicht lag es aber auch an den Salatblättern, mit dernen ihre Herrin sie nebenbei fütterte. Dass Benitas eigenes Liebesleben gerade kaum existent war, verdrängte sie. Zumindest das Tier machte ihr keinen Ärger. Sollte die Sehnsucht nach einem Mann übermächtig werden, fände sie im Nachtleben ihrer Stadt sicher eine Begleitung für ein Mal. Mit ihren hellroten Haaren, den grünen Augen und ihrer großen, schlanken Statur fiel ihr das nicht schwer. Von ernsthaften Beziehungen hatte sie gerade genug.
Die Geschichten im Fernsehen waren amüsant zu beobachten. In der WG war immer etwas los. Sie selbst empfand ihr Leben derzeit zwar als friedlich, aber auch als öde. Obgleich es anders war, als das der Menschen um sie herum. Doch auf diese Art der Aufregung verzichtete sie allzu gerne. Sie bemerkte, wie sie seit einigen Minuten die immer gleichen Zahlen auf ihrem PC angesehen hatte. Ärgerlich darüber, die Konzentration zu verlieren, versuchte sie, an nichts anderes mehr zu denken.
Ihre Kollegin Nicole kam aus dem Büro des Chefs. Gedankenverloren ging sie die Post durch.
„Guten Morgen, Nicki! Wie geht es dir? Alles klar?“
Sie mochten sich bereits seit ihrer gemeinsamen Ausbildungszeit zur Industriekauffrau. Als sie beide in der Einkaufsabteilung landeten, freuten sie sich. Sie waren sich sympathisch, ohne enge Freundinnen zu sein. Ein Thema für ein paar Sätze geselligen Smalltalks fanden sie immer.
Nur nicht heute. Nicole sah sie nicht an, brummte etwas Unverständliches und ging aus dem Zimmer. Das war noch eine Steigerung zu ihrer in letzter Zeit sowieso schon schlechten Laune.
Benita runzelte die Stirn. Was war mit der Kollegin los? Doch dann war die Enttäuschung über Nickis kühle Reaktion plötzlich wie weggeblasen. Eine neue Empfindung verdrängte alles.
Unmöglich konnte sie länger hier arbeiten. Hier hatte sie keine Zukunft mehr. Der Druck auf ihrem Brustkorb erschwerte das Atmen, sie bekam kaum Luft.
Sie musste kündigen. Jetzt war der Moment. Heute, dem letzten Tag, an dem sie mit ihrer Kündigungsfrist von sechs Wochen zum Quartalsende aussteigen konnte. Als sie sich vorstellte, wie sie dem Chef das Schreiben vorlegte, entspannte sie sich. Endlich schien der Sauerstoff ihre Lungen zu erreichen. Die Aussicht, in einer anderen Firma einen Neuanfang zu wagen, zauberte ein Lächeln auf ihr Gesicht. Sie öffnete ein neues Dokument. Oben Namen und Anschrift, adressiert an ihren Arbeitgeber, zu Händen ihres Chefs.
„Sehr geehrter Herr Friedrichs, hiermit kündige ich mein Arbeitsverhältnis fristgerecht zum 30.6.2015. Für die angenehme Zusammenarbeit bedanke ich mich. Mit freundlichen Grüßen, Benita Kirsch.“

Eine Stunde später verließ sie beschwingten Schrittes das Bürogebäude. Neben ihr ging Nicole, nun mit ebenso guter Laune. Was war denn los?
„Du bist wieder besser drauf, Nicki? Das ist schön. Die letzten Monate schienst du bedrückt zu sein. Und heute Morgen ganz besonders.“
Das war ihr übliches Understatement. Vielmehr kannte sie Nicoles Gemütslage besser, als sie wollte und es der anderen bewusst war. Im Allgemeinen bezeichnete man so etwas als Empathie, doch Benita wusste, in ihrem Fall ging es weiter. Wenn sie konnte, verdrängte sie dieses Bewusstsein aber. Normal zu sein, war ihr größter Wunsch.
Die Kollegin strahlte sie an.
„Sieht man mir das an?“
„Na sicher. Du lächelst, das war in letzter Zeit selten.“
Dazu kam, dass Benita ihre Glückseligkeit vor sich sah, als könnte sie sie berühren. Es war ähnlich, wie die Wolken in einem Flugzeug vor sich zu haben: als müsse man nur die Hand ausstrecken, um die zarte, kühle Textur streicheln zu können. Der Kopf wusste, das war nicht der Fall. Aber irgendwann wurden die Augen schwer, Schlaf übermannte einen und der Verstand gab die Kontrolle ab. Dann schienen sie nur einen Griff entfernt zu sein, es war beinahe, als spürte man die weißen, weichen Gebilde. Das konnte sie unmöglich jemandem erklären, doch das Gefühl, das einen überfiel, wenn man nicht mehr dachte, war vergleichbar mit ihrem Gespür, was ihr Gegenüber gerade empfand. Allerdings fragte Nicole nichts, sondern strahlte sie arglos an.
„Vor dir kann ich es sowieso kaum verbergen. Stimmt, ich fühle mich toll. Ich habe dem alten Friedrichs heute meine Kündigung in die Hand gedrückt. Chakka!“ Sie streckte eine Siegerfaust zum Himmel. „Anfang Juli fange ich bei der Ludwig GmbH als Chefeinkäuferin an!“
Benita versuchte, sich für die Kollegin zu freuen, doch das Entsetzen kroch in Eiseskälte an ihrer Wirbelsäule hinauf. Konnte es ein Zufall sein, dass sie selbst diesen Schritt auch gerade getan hatte? Allerdings ohne eine interessante Stelle in der renommiertesten Firma der Gegend in Aussicht?
Nicole verstand ihr erschrecktes Gesicht anders.
„Es tut mir leid, das Team hier zu verlassen.“ Sie schenkte ihr einen traurigen Dackelblick. „In den letzten Monaten war es ein Elend. Wenn ich mir die Zahlen ansehe, geht das nicht mehr lange gut. Es wird Zeit für etwas Neues.“ Sie standen an der Stelle, an der sich ihre Wege trennten. Ungewohnt herzlich umarmte Nicole sie.
„Freu dich doch für mich!“
Benita strengte sich an. Während sie daran arbeitete zu lächeln, streichelte sie der Kollegin freundschaftlich über die Schulter.
„Wie schön für dich, das hört sich toll an“, brachte sie zuwege. „Ich wünsche dir, dass es ein guter Schritt ist.“
„Bestimmt!“, rief Nicole „Wir beide müssen uns dann unbedingt ab und zu auf einen Kaffee treffen.“
Sie nickte, obwohl sie sich sicher war, mehr als ein oder zwei Verabredungen kämen nicht zustande. Dazu bedeutete sie Nicki zu wenig. Wie hätte es auch anders sein können? Sie hatte die junge, impulsive und lebhafte Frau kaum an sich herangelassen. Somit würde ein weiterer Mensch aus ihrem Leben verschwinden.
Das alles verbarg sie hinter einer unbeteiligten Miene. Nicole verzog etwas enttäuscht die Mundwinkel und winkte ihr noch einmal zu, ehe sie in die Straße einbog, in der sie geparkt hatte.
Benitas Kopfhaut prickelte. Sie ließ sich auf die Bank im Wartehäuschen der Bushaltestelle fallen. Ihre Beine zitterten. Verflixt. Sie versuchte, sich zu sortieren. Hatte sie ihre eigenen Empfindungen gefühlt oder Nicoles? Sie war gerade bei Herrn Friedrichs gewesen und vermutlich noch aufgewühlt von der Begegnung. Bis zum Morgen hatte Benita keinen Gedanken in diese Richtung verschwendet. Auch sie hatte bemerkt, dass die Umsatzzahlen nachgelassen hatten. Das Schreiben war jedoch ein spontaner Entschluss gewesen, ein drastischer Schritt, ohne dass sie eine andere Stelle gesucht und gefunden hatte. Ihre Gefühle oder Nicoles? Sie wusste es, wollte es aber nicht wahrhaben.
Entgegen ihres Willens überfielen sie die Erinnerungen an ihr verkorkstes Liebesleben. Der erste Freund, mit dem sie zusammenwohnte, war Philipp gewesen. Der Entschluss, sich von ihm zu trennen, war ähnlich plötzlich in ihr aufgetaucht. Sie sagte ihm, sie sei nicht mehr glücklich, sie bräuchte Freiraum. Innerhalb einer halben Stunde hatte er die Koffer gepackt und ging zu seinem Bruder. Er hatte Benita angestrahlt und ihr gesagt, dass er genauso empfand und froh war, dass sie es auch so sähe. Das sei der Knackpunkt: Sie seien sich zu ähnlich. Dadurch ständen sie sich letztendlich zu nahe. Mit einer Frau zu leben, die jederzeit seine Gefühle teilte, war sehr angenehm, aber es fehlte das Prickeln, das er als junger Mann suchte. So etwas wäre wunderbar, wenn man seit zwanzig Jahren verheiratet sei. Es machte ihn glücklich, dass sie es ausgesprochen hatte. Sie würde immer ein besonderer Mensch für ihn bleiben.
Als er weg war, fühlte sie sich verlassen und leer und wusste nicht, woher ihr Impuls gekommen war. Geahnt hatte sie es. Es war der Grund, weshalb sie bereits als Kind schwer Freunde fand. Wer zur gleichen Zeit zornig, traurig, ängstlich, neidisch war wie sein Gegenüber, führte ein konfliktreiches Leben. Ihr Vater und ihre Tante, die sich nach Mutters Tod um sie kümmerten, waren damit überfordert gewesen. Sie hatten versucht, Benitas Selbstbeherrschung zu stärken. Der erste Tipp lautete, sie solle auf zehn zählen, bevor sie einem Impuls nachgab. Am Anfang kam sie bis vier, später zumindest bis sieben. Dann kamen die Atemübungen dazu, autogenes Training, progressive Muskelentspannung. Sogar einen Meditationstrainer bezahlte ihr Vater für ein Jahr. Es wurde besser, nichts half wirklich.
Das Ende der Beziehung zu Philipp war nur die erste von mehreren närrischen Trennungen gewesen.
Im Bus ließ sie ihre Stirn gegen die Fensterscheibe fallen. Sie betrachtete die Reflexion. Ihr Gesicht war noch heller als sonst, ihre grünen Augen waren aufgerissen. Es war nur Einbildung. Übersinnliche Wahrnehmungen gab es nicht. Konnte es nicht geben. Das alles war nur ihre Launenhaftigkeit, ihre Unausgeglichenheit, ihre Impulsivität. Sie brauchte eine Therapie, keinen Meditationstrainer.
Ihre Mutter fiel ihr ein. Eine Gänsehaut lief ihr über den Rücken. Benita sagte das Einmaleins auf, beginnend bei der Fünfer-Reihe.

Das Blut rauschte in ihren Ohren. Sie trug eine sorgfältig gebügelte weiße Bluse, der schmale Rock endete knapp über dem Knie, die Pumps hatten Absätze. Sie war stärker geschminkt als sonst, damit die dunklen Schatten unter ihren Augen nicht auffielen. Immerhin hatte ihr die Schlaflosigkeit genügend Zeit verschafft, um ihren Bob zu waschen. Ihr Mund war trocken.
„Herein!“
Sie trat ins Büro des Chefs. Ihre Zunge fuhr über ihren Gaumen. Die Lockerungsübung half.
„Herr Friedrichs, ich habe ein seltsames Anliegen. Es tut mir sehr, sehr leid …“
Er wies auf den Besucherstuhl vor seinem wuchtigen Schreibtisch.
„Wollen Sie früher gehen, Frau Kirsch? Sofern Sie sich bereits Gedanken gemacht haben, wie Sie Ihre Arbeit übergeben können, finden wir eine Lösung. Das ist die übliche Vorgehensweise in so einem Fall.“
Die kleinen Augen unter der hohen Stirn betrachteten sie freundlich.
Unruhig rutschte Benita auf ihrem Stuhl herum.
„Nein, das ist es nicht … Ich wollte Sie bitten, meine Kündigung in den Müll zu werfen. Es war eine dumme Handlung im Affekt. Ich weiß gar nicht, was in mich gefahren ist. Die Aufgabe gefällt mir, ich möchte weiter hier arbeiten.“ Vor allem das Geld auf dem Konto am Ende des Monats mag ich, fügte Benita in Gedanken hinzu. Sie hoffte, sie sah mitleiderregend, aber nicht zu flehend aus. Das Blut in ihren Adern klang im Kopf wie ein rauschender Fluss.
Herr Friedrichs betrachtete sie mit hochgezogenen Augenbrauen und stieß hörbar die Luft aus.
„Ich hatte Sie bisher nicht als wankelmütig eingeschätzt.“ Er legte eine dramatische Pause ein. Dann ergänzte er mit bedauerndem Gesichtsausdruck: „Ich fürchte, das kann ich nicht tun. Sehen Sie, die Geschäftsleitung hatte mich letzte Woche vor die Aufgabe gestellt, in unserer Abteilung zwei Mitarbeiter abzubauen. Ich machte mir Gedanken, wem wir einen Aufhebungsvertrag anbieten könnten, bevor wir über Sozialauswahl und Kündigungen sprechen müssen. Offen gesagt fällt es mir schwer, in unserem Team Leute mit schlechten Leistungen auszumachen. Ich würde mich ungern von jemanden trennen. Aber ich wusste ja, dass gestern Kündigungstermin war. Als ich dann tatsächlich zwei Kündigungen vorliegen hatte, war ich erleichtert: Ich musste keine Trennungsgespräche mit Mitarbeitern führen, die das nicht verdienen, die Firma kommt um Abfindungszahlungen herum. Ich fürchte, ich bin nicht bereit, einen anderen Weg einzuschlagen, solange es eine Alternative gibt. Um ehrlich zu sein, Frau Kirsch, diese Aktion, im Affekt zu kündigen, qualifiziert Sie nicht zu meiner zuverlässigsten Mitarbeiterin. Ich bedaure.“

2 Mittwoch

2.1 In der Bank

Enissa:
Enissa Altinay nahm an ihrem Schreibtisch Platz. Sie war zufrieden. In dieser Geschäftsstelle der Bank hatte sie während ihrer Ausbildungszeit mehrfach Einsätze gehabt und kannte sich aus. Die Kollegen und Kolleginnen hießen sie heute nach ihrem Urlaub herzlich willkommen. Sie wussten, sie konnten sich auf sie verlassen. Die Kunden mochten sie, weil sie immer freundlich und zuvorkommend war. Enissa setzte um, was ihre Mutter ihr beibrachte: „Işi gör“ – sieh die Arbeit. Das brachte ihr Zuneigung und gute Beurteilungen ein. Sie war stolz darauf, neben ihrem Familienleben auch im Beruf Anerkennung zu erhalten.
Der Tag lief gemütlich an, ein heißer Ferientag Mitte August. Nur wenige Leute kümmerten sich derzeit um ihre Bankgeschäfte. Am Vormittag aktualisierte sie ihren Ausbildungsnachweis, bediente ein paar Kunden, beteiligte sich an den Schwätzchen der Kolleginnen. Die Mittagszeit verbrachte sie daheim. Die Pause ihrer Mutter begann eine halbe Stunde später als ihre, dauerte dafür länger. Enissa bereitete für ihre jüngeren Brüder das Mittagessen zu, die kurz vor Mama nach Hause kamen. Direkt im Anschluss an die Mahlzeit ging sie zurück in die Bank und die Jungs in die Schule, um sich bei den Hausaufgaben betreuen zu lassen. Ihre Mutter räumte auf, ehe sie in die Zahnarztpraxis fuhr, in der sie arbeitete. Es war eine seltene Konstellation, wusste Enissa. Die meisten Mitschüler ihrer Brüder, die auch am Nachmittag in ihrem Gymnasium waren, gingen in die Mensa. Die Kollegen und Kolleginnen verbrachten die Mittagszeit oft zusammen in dem Sozialraum oder einem Café. Aber Mama wollte es so. Die Kinder sollten zu Hause essen. Das war ihr Kompromiss zwischen der deutschen und der türkischen Lebensweise. Vor allem die Familienbande hatten eine stärkere Bedeutung als bei ihren Mitschülern aus anderen Ländern, fand sie. Schon ihre Eltern waren in Deutschland aufgewachsen und gaben sich Mühe, eine gute Balance der Kulturen zu finden. Es machte Enissa stolz, ihren Beitrag dazu zu leisten und von der Familie gebraucht zu werden. Sie war nützlich, denn sie erkannte, wenn es etwas zu erledigen gab. Manchmal wünschte sie sich mehr Freiraum, doch ihr Pflichtgefühl war stärker.
Auch zu Beginn des Nachmittags blieb es auf beinahe langweilige Weise ruhig. Als die junge, rotblonde Frau in den bunten Haremshosen und Flipflops in die Bank kam, stand Enissa auf und ging ihr lächelnd entgegen.

Benita:
Sie war froh, der Hitze des Tages in der abgedunkelten, klimaanlagengekühlten Bankfiliale zu entkommen. Eigentlich wollte sie sich nur Bargeld am Automaten holen. Sie tat das mit steigendem schlechten Gewissen. Um die Sperrzeit zu überbrücken, die sie beim Arbeitsamt wegen einer unbegründeten Eigenkündigung erhalten hatte, griff sie auf ihre Reserven zurück. Zwar war noch etwas vom Erbe ihrer Eltern übrig, da sie als erstes das Einfamilienhaus verkauft und eine Dreizimmerwohnung erworben hatte, aber das Geld war für Notfälle gedacht. Nun ja, genaugenommen war das einer.
Noch konnte sie kein Ende ihrer Lage absehen. Für einen begrenzten Zeitraum würde sie Arbeitslosengeld bekommen. Die Vorstellungsgespräche, die sie bisher ergattert hatte, waren entmutigend gewesen. Alles war gut gelaufen, bis sie zu dem Punkt kamen, weshalb sie ihr früheres Arbeitsverhältnis beendet hatte. Sie konnte keine glaubwürdige Antwort darauf geben und das machte die Personalverantwortlichen misstrauisch. Benita verstand sie. Sofern sie ein gutes Gespür für Menschen hatten, mussten sie erkennen, dass sie etwas verbarg. Aber wie sollte sie erklären, was passiert war? Das war unmöglich. Deshalb sah sie besorgt in die Zukunft und auf ihre schwindenden Reserven. Mit jeder Abhebung fragte sie sich, ob sie sich weiterhin Wein zum Abendessen kaufen durfte, sie wieder einmal mit ihrer Freundin ins Kino konnte oder sie ihr Auto abmelden sollte. Um Sprit zu sparen verzichtete sie ohnehin auf unnötige Fahrten und blieb in der Nähe, wo das Fahrrad ausreichte. Sie sehnte sich danach, sich mal spontan ein T-Shirt zu leisten, das ihr gefiel.
Am Kontoauszugsdrucker neben dem Geldautomaten bemerkte sie einen Mann in dreiviertel langen Jeans und Kapuzenshirt. Trotz der Hitze hatte er die Kapuze über den Kopf gezogen. Er stand breitbeinig und vornübergebeugt an dem Gerät, so dass sein Po in den Raum hinausragte. Benita hätte sich an ihm vorbeischlängeln können, wollte aber nicht. Stattdessen ließ sie ihre Augen auf den knackigen Rundungen ruhen. Nicht schlecht.
Sie sah die junge Frau an, vielmehr das Mädchen, das ihr lächelnd entgegenkam. Plötzlich fiel ihr brennend heiß ein, wie sie ihre finanzielle Misere lösen könnte. Sie war in einer Bank, hier gab es Geld. Cash. Es war versichert, kein Mensch würde geschädigt. Sie musste nur diese Bankmitarbeiterin dazu bewegen, es ihr zu geben.
Benita kniff die Augen mehrmals zusammen und riss sie wieder auf. Was ging in ihr vor? Wie sollte sie einen Banküberfall durchführen? „Hände hoch, Moneten her, sonst kitzle ich Sie zu Tode,“? Im Übrigen fiel ihr Blick auf das Schild an der Glaswand, die den Publikumsraum von den Schreibtischen trennte: „Wir sind eine bargeldlose Bankfiliale“. Bargeld gab es nur im Automaten. Vermutlich bedeutete das, dass die Angestellten keinen Zugang dazu hatten. Wie dumm waren ihre Gedanken?

Robin:
Er atmete schwer ein und aus, ehe er sich das Halstuch über Mund und Nase zog und die Kapuze tiefer schob. Den Rest seines Gesichts bedeckte eine Sonnenbrille. Sein Magen grummelte hörbar. Hauptsache, es blieb alles in ihm. Vielleicht hätte er auf Sarah hören sollen. Sie versuchte schon eine Weile, ihn davon zu überzeugen, Salat statt Bockwurst zu essen. Aber er war doch ein Mann, kein Schaf! Und bei dem, was er hier vorhatte, brauchte er eine gute Grundlage. Noch einmal kniff er die Augen zusammen, dann nahm er die verborgene Waffe aus dem Latz der Jeanshose. Er räusperte sich und versuchte, die Stimme um eine Oktave zu senken, als er hinter den Automaten hervor stürmte. Schließlich wollte er stark und gefährlich klingen. Er packte die Rotblonde in den bunten Hosen am Geldautomaten, zog sie vor die Bankmitarbeiterin und hielt ihr die Pistole an die Stirn. „Geld her, sonst gibt es ein Unglück!“
Die Frau an seiner Seite sah ihn entsetzt an. Die junge Dunkelhaarige mit der Brille hinter dem Tresen wirkte zu Tode erschrocken und leicht verwirrt.
„Ich würde Ihnen gerne weiterhelfen, aber ich habe hier nur etwas Hartgeld.“ Sie ging an einen Stehtisch mit einem Computer. „Finger weg!“, brüllte Robin. Wer weiß, ob sie sonst noch einen Alarmknopf drückte und so die Polizei herbeirief. Er richtete die Waffe auf sie, während sie schnell tippte. Sollte er sie mit Gewalt aufhalten? Ihr das Ding auf den Kopf hauen? Er hatte keine Ahnung, wie das ging.
„Sehen Sie.“ Sie deutete auf den Bildschirm. „Das ist der Bargeldbestand. 179 Euro und 70 Cent in Münzen von einem Cent bis zu zwei Euro. Hilft Ihnen das weiter?“
Robin erstarrte. Machte sie Witze? Da entdeckte er die Schrift auf der Glaswand. Natürlich. Nicht einmal zum Bankräuber taugte er. Keine Chance, Sarah mit Mut und Entschlossenheit zu beeindrucken, vor allem aber mit Geld. Typisch Tollpatsch Klein-Robbie. Was nun? Die Gedanken rasten durch seinen Kopf.
„Einpacken!“, brüllte er, fuchtelte mit der Pistole herum und hielt dem Mädchen eine Tasche hin. Sie griff danach.
„Du und die da, ihr kommt mit!“ Die Worte klangen schrill in seinen Ohren.
„Wie bitte?“, fragte die Angestellte. „Was?“, kam es von der Rotblonden.
„Mitkommen!“, rief er nochmals. Hoffentlich würde er keinen Schuss abgeben müssen, um sich Respekt zu verschaffen.
„Einen kleinen Moment bitte“, sagte das Mädchen und begann, etwas auf einen Zettel zu schreiben.
„Bist du irre?“, fragte Robin verblüfft. „Machst du dein Testament?“
Beide Frauen starrten ihn verängstigt an.
„Bitte, bitte, kommen Sie!“, flehte der Rotschopf mit gepresster Stimme. Schnell kritzelte die Angestellte fertig, ließ die Finger über die Tastatur fliegen und trat zu ihnen. Er biss sich auf die Lippen. Schon wieder machte sie etwas, das er nicht verstand. Er konnte sie nicht schlagen, das war doch ein Mädchen! Viel zu langsam, vor allem zu unentschlossen, ging er vor. Verdammt, er hätte sie davon abhalten müssen, am Computer zu tippen! Jetzt war es zu spät.

2.2 Die Flucht beginnt

Robin:
Am liebsten hätte er mit jeder Hand eine der Frauen gepackt, dazu müsste er aber die Waffe loslassen. Er verließ sich darauf, dass es reichte, die Kundin zu bedrohen, und schob sie nach draußen. Gerne wäre er zu seinem Auto gerannt, das in einer Seitenstraße parkte. Einerseits würden drei aus einer Bankfiliale rennende Gestalten unter Umständen auffallen, andererseits schien die Tussi in den Flipflops genauso wenig spurten zu können wie die Puppe aus der Bank in ihren hohen Schuhen. Er ließ die beiden vor und drängte sie vorwärts, so schnell er konnte, bis sie sein Auto erreichten. Das Tuch schob er nach unten, die Kapuze zurück. Endlich frische Luft. Er sog sie tief ein.
„Das ist Ihr Fluchtwagen?“, fragte die Bankangestellte.
„Passt dir was nicht?“, herrschte er sie an. Er war nicht glücklich mit dem kleinen roten Toyota Aygo. Seinen Golf GTI hatte er vor zwei Monaten verkaufen müssen.
„Nein, nein, er ist nur etwas eng für uns alle“, sagte sie treuherzig.
„Das passt schon!“
Beschwerte sie sich ernsthaft darüber, dass sein Auto zu klein war? Hatte die keine anderen Probleme? Sie war die Kleinste, also schob er sie auf die Rückbank. Die Rotblonde stieß er auf den Beifahrersitz und warf ihr den schweren Beutel mit den Münzen auf den Schoß. Zum Glück hatte niemand vor ihnen geparkt. Er stieg ein, schaute sorgfältig über die Schulter, setzte den Blinker und fuhr los.

Benita:
In ihrem Kopf schien es zu summen. Panik! Es war ihre Angst vor dem Menschen, der eine Waffe in der Latzhose trug. Ihre besonderen Sinne sagten ihr, er war am Rand der Beherrschung. Was würde geschehen, wenn er sie verlor? Dass er bisher nicht mit Intelligenz geglänzt hatte, konnte sie weder als gut noch als schlecht einordnen. Ihre bisherigen Erfahrungen boten ihr keine Anhaltspunkte dafür, wie schlau ein Geiselnehmer am besten sein sollte.
Oder kam die Angst nicht von ihr selbst, sondern von der Rückbank? Die Augen des Mädchens waren weit aufgerissen. Benita schätzte sie auf etwa zwanzig Jahre. Während sie sich in allen ihren Handlungsmöglichkeiten begrenzt fühlte, machte sie eine zusätzliche, beängstigende Empfindung aus. Es gab zu viele Entscheidungen zu treffen. Keine davon schien gut zu sein und einen Ausweg zu bieten. Es war, als würde man ein Daumenkino mit unzusammenhängenden Bildern durchlaufen lassen. Dazu kam, wie hilflos sie sich selbst erlebte. Ab und zu blitzte eine Form der Ratlosigkeit darüber auf, anderen nicht weiterhelfen zu können. All diese Empfindungen waren enorm kraftvoll, stärker als die, mit denen sie bisher konfrontiert gewesen war. Benita kam es vor, als stünde ihr Gehirn unmittelbar vor einem Kurzschluss. Ihr Kopf schmerzte immer heftiger. Sie legte die Hände an ihre Schläfen und begann zu wimmern.
„Schnauze!“, hörte sie eine harsche Stimme vom Fahrersitz.
Es wurde schwarz um sie.

Das Auto stand. Ihr Körper befand sich in einer annähernd liegenden Position. Benita wollte ihre Augen nicht öffnen. Das Chaos, das die unterschiedlichen Gefühle zuvor in ihre ausgelöst hatte, ließ nach. Jetzt nahm sie vor allem Besorgnis in dem Wagen wahr.
„Wären Sie so freundlich, mir die Wasserflasche zu geben?“, flüsterte eine hohe Stimme. Anschließend benetzten Tropfen ihre Lippen. Sie öffnete den Mund. Das Wasser war warm und hatte den schalen Geschmack von verloren gegangener Kohlensäure. Benita verzog angewidert das Gesicht.
„Ich glaube, sie ist wach“, hörte sie den Mann sagen. Dazu erkannte sie nicht nur in seiner Stimme Erleichterung und Freude, sondern auch als weiteren Bestandteil des Gemenges an Emotionen um sie herum. Dann konnte sie ebenso gut die Augen öffnen.
Die Rückenlehne des Autositzes war heruntergelassen. Das Mädchen hielt ihre Beine hoch. Sie und der Mann lächelten.
Benita sah aus der Windschutzscheibe. Sie standen auf einem Parkplatz, der von hohen Bäumen umgeben war. Die beständigen, wellenförmigen Motorengeräusche deuteten auf eine Autobahn hin.
„Wo sind wir?“
„Das braucht dich nicht zu kümmern“, fuhr der Bankräuber sie an. War man mit einer Beute von weniger als zweihundert Euro ein Räuber? Vermutlich kam es nicht auf die Summe an. Man sollte ihn lieber Räuberchen nennen, schoss es ihr durch den Kopf. Nicht kichern, dachte sie sich. Denn das passierte ihr häufig, wenn sie überfordert war.
„Und jetzt?“, fragte das Mädchen.
„Fahren wir weiter, bevor wir geschnappt werden“, antwortete der Mann und bedeutete ihr, hinten einzusteigen. Den Beifahrersitz ließen sie in Liegeposition.

Benita dachte fieberhaft nach. Sie befand sich in einer Situation, in der schlimmstenfalls ihr Leben und das dieses absurd höflichen Mädchens in ernsthafter Gefahr waren. Sie musste alle Möglichkeiten, ihre Lage zu verbessern, in Betracht ziehen. In der Ausnahmesituation sollte sie nicht länger damit hadern, ob sie tatsächlich die Emotionen der anderen so stark empfing, dass diese sich auf sie übertrugen. Es gab keine übersinnlichen Wahrnehmungen? Jetzt war der Zeitpunkt, ehrlich zu sich zu sein. Den Punkt musste sie doch irgendwie zu ihrem Vorteil nutzen können. Wenn sie wusste, ob der Räuber neben ihr ruhig und arglos war und wann er in gefährliche Stimmung geriet, würde sie es schaffen, die Zeit, bis die Polizei sie fand, zu überbrücken. Vielleicht konnte sie Einfluss auf ihn nehmen. Bisher hatte sie nie versucht, das Gemüt anderer zu beeinflussen, sie kannte es nur so, dass die Emotionen Dritter auf sie abfärbten. Ob es auch rückwärts funktionierte? Hatte sie die Möglichkeit, ihn in eine Verfassung zu bringen, die ihre Chancen erhöhten? Der Gedanke machte ihr beinahe Angst. So wäre ihre Fähigkeit nicht nur eine Sache, die ihr Leben durcheinanderbrachte, sondern … Macht. Falls ihr das gelang, hieß es, verantwortungsvoll damit umzugehen. Doch wem gegenüber? Dem Räuber, dem Bank-Mädchen, ihr selbst? Zuerst einmal musste sie aber herausfinden, ob das eine Option war. Der Gedanke schien ihr eher ein verzweifelter Wunsch als Realität zu sein. Doch er war es wert, ihn zu verfolgen. Wie hieß es, eine jede Krise birgt eine Chance? Vielleicht verbarg diese sich hier. Und was sollte sie sonst mit ihrem Gedanken anfangen? Die Option war besser als Panik.
Als Erstes musste sie daran arbeiten, sich selbst abzugrenzen, ihre eigenen Gefühle gesondert wahrzunehmen. Am besten begann sie sofort zu üben. Sie erinnerte sich an die verschiedenen Versuche ihrer Tante und ihres Vaters, sie ausgeglichener zu machen. Benita versuchte, tief ein- und auszuatmen, in ihren Körper hineinzuhören. Ihren Geist stellte sie sich als weiße Leinwand vor. Sie begleitete jeden Atemzug mit ihren Gedanken. Ein. Aus. Ein. Aus. Ein. Aus.

Enissa:
Die Sorgen fraßen Enissa von innen heraus auf. Wie ging es ihren Eltern? Ihr Vater, der sie beschützen wollte, war sicherlich am Ende, wenn er hörte, sie war von einem Bankräuber entführt worden. Das war von Anfang an seine Angst gewesen, als sie sich für den Ausbildungsplatz entschied. Mama und sie hatten ihm gesagt, das sei völlig unbegründet, in Wirklichkeit passiere das nicht. Ihre Mutter würde sich die Haare raufen. Sie wusste, die beiden liebten sie. Manchmal war ihre Fürsorge erdrückend, aber jetzt gerade wollte sie einfach nur zu Hause sein, den geregelten Alltag erleben.
Was ging in Deniz vor? Der Bruder stand ihr vom Alter her am nächsten und wusste zur Zeit nicht, ob er sich hinter Enissa verstecken wollte oder der starke Mann war, der auf seine Schwester achtgab. Sie hoffte, er würde keine Dummheiten machen. Aber Mama passte sicher auf ihn auf, wie sie es immer tat. Wenn sie nicht zu große Angst um ihre Tochter hatte, so dass sie nicht klar denken konnte.
Ilyas, der Kleine, würde sich nicht trauen zuzugeben, dass er sich fürchtete. Wie sollte er ohne sie zurechtkommen? Bevor er zu Mama ging, suchte er bei Problemen den Beistand der Schwester. Enissa war immer da. Nur jetzt nicht.
Andererseits müsste sie sich in erster Linie Gedanken um sich selbst machen, oder? Wie fühlte sie sich wirklich? Sie sollte Angst haben, nichts anderes, als zurück zu ihrer Familie zu drängen, und dennoch gab es da diesen gefährlichen Teil ihrer Persönlichkeit, der die Aufregung genoss. Sie kannte ihn und kämpfte seit Jahren dagegen an. Er war dafür verantwortlich, wenn sie einmal keine gute Tochter war. Abenteuerlustig, rebellisch, das passte nicht zu ihr. So wollte sie nicht sein. In diesem angespannten Moment jedoch, gab es ihr die Kraft, das hier durchzustehen, also ließ sie es zu.
Immer wieder drehten sich ihre Gefühle im Kreis, doch irgendwann verringerte sich das Tempo, ihre Nervosität schwand. Konnte man sich daran gewöhnen, dass ein Mann einen selbst und einen Mitmenschen mit einer Waffe bedrohte?
Zumindest war in den beiden Stunden, die sie unterwegs waren, nichts geschehen. Er schien sie nicht sofort umbringen zu wollen. Sie versuchte, sich aus den unzähligen amerikanischen Krimi-Serien, die sie gerne sah, einen Reim auf das Verhalten ihres Entführers zu machen. Der Geiselnehmer brauchte die Geiseln lebend. Hatte er mehrere, konnte es von Vorteil sein, wenn er eine opferte, um Entschlossenheit zu zeigen. Diese Gefahr bestand, falls er in die Enge gedrängt wurde. Solange sie unbehelligt auf der Straße unterwegs waren, würde ihnen nichts geschehen. Vielleicht ließ er sie irgendwann gehen. Es war in ihrem Interesse, wenn sie möglichst lange unentdeckt blieben. Sie sah aus dem Fenster und beobachtete die Autos, die links an ihnen vorbeifuhren. Einige hatten den Kofferraum voller Gepäck. Fuhren sie in den Urlaub oder nach Hause? Sie versuchte, sich zu orientieren. Bis jetzt hatte sie sich in ihrer Aufregung keine Gedanken darüber gemacht, wohin die Reise ging. Sie las die Straßenschilder: Sie waren in Richtung Norden unterwegs.

Robin:
Scheiße. Scheiße. Scheiße. Er wollte nicht nachdenken, konnte die Gedanken aber nicht ausschalten. Was für eine blödsinnige Idee war der Überfall gewesen? In den letzten Monaten ging es nur noch um die Kohle. Robin hatte die Überzeugung gewonnen, wenn er endlich zu Geld käme, würden sich alle Probleme in Luft auflösen. Sein ganzes verkorkstes Leben. Die Sache mit Sarah. Wie konnte er nur so dumm sein? Hatte er wirklich gedacht, dass man sich Reichtümer einfach nehmen kann? Und jetzt? Nun war er mit diesen Frauen in einer ausweglosen Situation. Er sollte sie gehen lassen, so machte er alles nur schlimmer. Seltsamerweise beruhigte es ihn, nicht alleine zu sein. Das junge Mädchen behandelte ihn mit großer Höflichkeit, und die andere sagte und tat eigentlich gar nichts. Außer in Ohnmacht zu fallen. Er hatte sich beinahe in die Hosen gemacht vor Angst, sie könnte einen Herzinfarkt oder sowas haben. Nun atmete sie schwer neben ihm. Es war fast, als wäre sie eingeschlafen, nur hatte sie die Augen weit offen. Vielleicht versuchte sie, sich zu beruhigen. Über sich hörte er das Knattern eines Hubschraubers. Es machte ihn nervös. War man auf der Suche nach ihnen?

Enissa:
Der Helikopter am Himmel versetzte sie in Angst. Wie würde der Mann reagieren, falls man sie entdeckte? Er sah immer wieder unruhig nach oben. Wusste jemand, mit welchem Auto sie flüchteten?
„Wie wäre es, wenn Sie die Landstraße nehmen?“, fragte Enissa zaghaft. Ihre Knie zitterten. Durfte sie einen Vorschlag machen, ohne seinen Zorn auf sich zu ziehen? Sie versuchte, keine Gefühle auf ihrem Gesicht zu zeigen. „Agir tasi rüzgar kaldirmaz“, sagte ihre Mutter oft. Schwere Steine werden nicht vom Wind umgeweht. Solange sie höflich, freundlich und dabei distanziert war, blieb sie unangreifbar. Vielleicht funktionierte es auch hier.
„Wieso? Da kommt man nicht vorwärts“, sagte er unwirsch, suchte ihren Blick trotzdem im Rückspiegel.
„Ich dachte nur, vielleicht haben Sie noch kein Ziel“, erklärte sie sanft. „Wenn ich die Polizei wäre, würde ich zuerst auf der Autobahn suchen.“
Der Mann runzelte die Stirn. Wahrscheinlich vermutete er einen Trick.
„Da fließt der Verkehr. Die ist schwerer zu kontrollieren.“
„Auch da kann man Kontrollen vornehmen. Ich vermute, die werden schnellere Autos haben, so dass Davonfahren schlecht möglich ist. Nebenstraßen gibt es viel mehr, ich denke, das ist schwieriger, mit den Wäldern, die Sichtschutz bieten. Aber natürlich kenne ich mich da nicht aus. Sie wissen das bestimmt besser als ich.“
„Willst du mich verarschen?“, fragte er erstaunt.
„Nein, gar nicht“, beeilte sie sich zu sagen. „Ich wollte behilflich sein. Ich dachte mir, wenn es Ihnen gut geht, ist das für uns auch besser.“
„Richtig“, stellte er zufrieden fest. Der Helikopter flog weiter. Der Geiselnehmer fuhr in der nächsten Ausfahrt ab.

Benita:
Als der Hubschrauber auftauchte, nahm sie die schlagartige Nervosität wahr. Sie grübelte, was sie tun konnte, während das junge Mädchen die Situation verbesserte. An ihrer Argumentationskette hatte sie Zweifel, aber von größerer Bedeutung war, dass sie alle ruhiger wurden. Das war der Fall. Sie selbst war der Ansicht, sie sollten möglichst bald von der Polizei gefunden werden. Vielleicht hatte das Mädchen mit ihrer Aussage recht gehabt. Möglicherweise waren ihre Chancen besser, wenn sie in einem unbeobachteten Moment fliehen konnten. Das war auf der Autobahn schwierig. Dazu sollte die Umgebung passen, andere Fahrzeuge bereit sein anzuhalten, und die Wachsamkeit des Mannes neben ihr musste nachlassen. Oder er würde er sie irgendwann einfach gehen lassen.
Zunächst sollte sie dafür sorgen, dass sich die Stimmung weiter entspannte.
„Nachdem wir schon eine Weile zusammen unterwegs sind, wie wäre es, wenn wir uns einander vorstellen?“
Verwirrung strömte vom Fahrersitz aus auf sie ein. Von hinten registrierte sie Erleichterung. Es gelang ihr immer besser, die Gefühle klar zuzuordnen. Das war großartig! Sie konnte tatsächlich Richtungen erkennen.
Als ihr Entführer nicht antwortete, sagte sie: „Mein Name ist Benita Kirsch. Ich bin siebenundzwanzig Jahre alt und wohne in Erlen. Normalerweise arbeite ich als Industriekauffrau, zurzeit bin ich auf der Suche nach einer neuen Stelle.“
„Sehr angenehm, Frau Kirsch“, kam es von der Rücksitzbank. „Ich bin Enissa Altinay, wohne in Erlen-Langenbach und bin achtzehn Jahre alt. Ich mache gerade eine Ausbildung zur Bankkauffrau bei der Erlener Bank. Im Herbst habe ich Prüfungen.“
„Wie wäre es, wenn wir du zueinander sagen?“, fragte Benita. „Wegen der ungewöhnlichen Umstände, unter denen wir uns kennenlernen.“
„Gerne, Dankeschön“, sagte Enissa in ihrem freundlichen, gezierten Tonfall.

Robin:
Der Unterhaltung hatte er mit Fassungslosigkeit und Entsetzen gelauscht. Verbündeten sie sich? Müsste er ihnen sagen, sie sollten den Mund halten? Verdammt, ob es irgendwo im Internet wohl Tipps für Bankräuber und Geiselnehmer gab? Er hatte nicht einmal nachgesehen. Typisch. Er war schon in der Schulzeit unvorbereitet zu den Klassenarbeiten erschienen. Nun sahen ihn die beiden Frauen erwartungsvoll an. Also gut.
„Ich bin Robin Römer, ihr könnt Rob zu mir sagen.“ Es war schon viel besser, wieder ein Mensch mit einem Namen zu sein. Ermutigt davon gab er mehr von sich preis. „Ich bin vierunddreißig und arbeite als Verkäufer in einem Elektronik-Fachmarkt in Erlen. Eigentlich bin ich aus Eisenach.“
„Eisenach in Thüringen?“, fragte die Frau namens Benita. Erstaunlich. Bisher hatten ihm alle gesagt, man würde hören, woher er kam.
„Genau das. Kennst du es?“
„Nein“, antwortete sie. „Wie gefällt es dir in Erlen?“
Er pustete die Backen auf. „Okay. Es ist halt eine Stadt wie andere auch.“
„Ich wohne sehr gerne dort“, mischte sich Enissa ein. „Ich bin in Erlen geboren und aufgewachsen und finde es wirklich schön.“
Er sah sie verwundert an. Sie schien ein ausgesprochen nettes Mädchen zu sein.
„Das würde ich wahrscheinlich auch so sehen, wenn ich dort immer ein gutes Leben gehabt hätte.“
„Hattest du das nicht?“, fragte Enissa erstaunt.
„Er hat heute Morgen eine Bank überfallen. Deine Bank“, erklärte Benita. „Ich vermute, es lief nicht die ganze Zeit alles glatt.“
Dankbar sah Rob sie an. „So ist es.“