Leseprobe zu „Zimt und Zitrone“

Situation:

Dani hat sich mit Molly verabredet, einer unkonventionellen englischen Rentnerin. Die beiden lernten sich im Internet in einer Fan-Gruppe des Musikers Nick Hollister kennen. Seit zwei Jahren führen sie eine virtuelle Freundschaft.

Kapitel 2:

Dani beeilte sich. Sie mochte als Halbitalienerin die kurzen Beine ihres Vaters geerbt haben, aber sie gab sich Mühe, sie zumindest effektiv einzusetzen. Seitdem sie permanent unter Zeitdruck stand, hatte sich ihre Geh-Geschwindigkeit deutlich erhöht.

Sie war mit ihrem Wagen bis zu einer Gegend am Rand der City gefahren, von der sie wusste, dass man neben einer Bahnlinie ohne Anwohnerausweis und Parkgebühren parken konnte. Nun musste sie einige Minuten zu Fuß bis zu dem Brunnen gehen, an dem sie sich mit Molly verabredet hatte. Ihre Arbeit hatte sie hastig verlassen, um pünktlich zu sein. Warum auch nicht? Die Dankbarkeit dafür, dass sie sich Zeit nahm, alle Aufgaben nachvollziehbar zurückzulassen, hielt sich in Grenzen. Es war eher andersherum: Wehe, es ergab sich eine Situation, in der fraglich war, wie weit sie in ihrer Sachbearbeitung war, oder etwas war nicht auffindbar. Ein spitzer Kommentar zum Thema Teilzeitarbeit aus dem Kollegenkreis war unvermeidlich. Heute war ihr das gleichgültig.

Obwohl Molly eine ältere Dame war, hatte Dani versucht, unauffällig auf ihr Äußeres zu achten. Gegenüber dieser unkonventionellen Powerfrau wollte sie nicht wie ein Mauerblümchen erscheinen. Ihre etwas zu füllige Figur war so vorteilhaft wie möglich in Bodyforming-Jeans verpackt, das Top und Shirt im Lagenlook in Schwarz trug sie figurfreundlich unter der lässigen Jeansjacke, nach ihrer Arbeit hatte sie mehrere Armreifen übergestreift. Die Schuhe waren zu hoch, um bequem zu sein, aber niedrig genug, um als alltagstauglich zu gelten.

Ihre halblangen, vollen, dunklen Locken waren frisch gewaschen. Hier musste sie sich nicht zu viel Mühe geben, um gut auszusehen, das war einer ihrer Pluspunkte. Ihr Make-up war natürlich und unauffällig, aber sorgfältig aufgetragen. Sie hatte sich bewusst in ihrer Firma Zeit vor dem Spiegel der Damentoilette gegönnt.

Unter den Zweigen von Kastanienbäumen konnte sie am Rand des kopfsteingepflasterten Platzes den Brunnen sehen, an dem sie verabredet waren. Zügig schritt sie darauf zu und lehnte sich an den Rand. Molly war nirgends zu sehen. Einen Moment lang spielte Dani mit den Fingern im kühlen Wasser, das eine Vogelskulptur auf der Spitze des Brunnens im schmalen Strahl ausspuckte. Sie schloss die Augen und genoss die Frühlingssonne. Diese ersten warmen Tage im Jahr voller Guter-Laune-Sonne, die noch nicht stark genug war, um zu brennen, liebte sie. Der Sonnentag heute war früh im Jahr gekommen. In den Vertiefungen des Pflasters standen noch die Reste des gestrigen Regentages. Die Luft war angenehm klar.

Neben ihr sprach sie jemand auf Englisch an. „Hallo. Bist du Dani?“

Leicht verärgert blickte sie auf. Was sollte das? Vor ihr stand ein nicht allzu großer, blasser Mann ungefähr in ihrem Alter in Jeans, Jeansjacke, einem verwaschenen T-Shirt und Sneakers. Auf der Nase trug er eine Piloten-Sonnenbrille, auf dem Kopf eine Baseballmütze. Keine Rentnerin.

„Ja …? Und du?“

Er sah einen Moment auf seine Schuhspitzen und trat von einem Bein aufs andere.

„Ich weiß, ich bin nicht, was du erwartest und es ist unfair … ich bin Molly.“

Entsetzt zuckte Dani zurück. Das war, was sie befürchtet hatte. Sie war auf eine erfundene Identität hereingefallen. Ihr Mund wurde trocken. Sie unterdrückte den Impuls, sich umzudrehen und davonzulaufen. Ihre Neugier darauf, was der Kerl von ihr wollte, gewann jedoch nach ein paar Schrecksekunden.

„Oh. Erklärung, bitte“, war alles was sie hervorbrachte.

Er steckte beide Hände in die Hosentaschen und trat von einem Bein aufs andere. „Anfangs habe ich Molly genutzt, um anonym zu bleiben, um mich hinter ihr zu verstecken. Später, als wir uns näherkamen, fand ich nicht den richtigen Zeitpunkt, um zurückzurudern. Wahrscheinlich hätte ich einfach nichts mehr schreiben sollen, aber zuerst gab es in deinen Postings immer etwas, das mich zu einer Antwort reizte, und später war ich jedes Mal neugierig und wollte wissen, was du darauf sagen würdest. Statt ehrlich zu sein, habe ich versucht, so viel wie möglich von mir in die Person Molly zu packen. Es war schon lange nicht mehr okay. Entweder ich musste damit aufhören oder dir alles erklären.“ Nach einer Pause hob er verlegen die Schultern „Jetzt bin ich hier.“

Seine Stimme klang etwas zittrig, aber sympathisch und angenehm vertraut. In ihr herrschte Empörung darüber, an der Nase herumgeführt worden zu sein, so dass sie nicht weiter darüber nachdachte. Es brodelte in ihr. Sie atmete tief durch, um einen Zornesausbruch zu unterdrücken und keine Szene zu machen.

Er schob die Sonnenbrille nach oben und Dani sah sein Gesicht zum ersten Mal genauer an. Sie taumelte zurück und hatte das Gefühl, als sei sie in ein Schwimmbad voller Watte getaucht worden.

„Nick Hollister???“

Verlegen grinsend legte er den Kopf schief. „Richtig. Bitte nicht so laut.“ Er schob die Brille zurück auf die Nase.

Ihr Gehirn schien vor einem Kurzschluss zu stehen. Immer wieder schossen ihr Gedankenfetzen durch den Kopf. Bevor sie sie jedoch zu fassen bekam, lösten sie sich auf.

„Das glaube ich jetzt nicht!“, entfuhr es ihr auf Deutsch. Am Anfang seiner Karriere hatte Nick Hollister einige Jahre in Berlin gelebt und verstand sie, antwortete aber auf Englisch. „Was kann ich tun, damit du mir glaubst?“

Sie schüttelte den Kopf, sah sich um. Waren da irgendwo versteckte Kameras? Leute, die einen aufwändigen Scherz mit einem Doppelgänger trieben? Sie konnte nichts entdecken. Es musste ein Traum sein. Sie schloss die Augen, schüttelte den Kopf so lange, bis ihr schwindelig war, öffnete sie wieder. Der Kerl stand noch immer da. Sie musste verrückt geworden sein.

Er berührte sie vorsichtig am Arm.

„Hattest du nicht gesagt, du wolltest zu Mittag essen? Wohin wollen wir gehen?“

Sie deutete nach rechts. Schweigend gingen sie in die Richtung. Nach ein paar Metern schaffte sie es zu antworten. „Ich glaube, ich werde nichts essen können. Etwas zu trinken wäre gut.“

Er grinste. „Schnaps um diese Zeit?“

„Schnaps wäre vielleicht das Richtige, aber Cappuccino muss es tun.“

Im Kaffeehaus nahmen sie in einer Nische bei der Garderobe Platz und bestellten Cappuccino. In Danis Kopf drehte sich ein Gedankenkarussell. Als die bauchigen Tassen vor ihnen standen, räusperte er sich.

„Bitte verzeih mir. Ich hatte anfangs nicht erwartet, dass ich mit einem Fan im Internet in einen intensiven Kontakt treten würde. Ich bin da hineingerutscht. Was kann ich tun, um es wieder gut zu machen?“

Sie starrte ihn an. „Was willst du von mir? Ich meine, es ist einerseits ja fantastisch, dich kennenzulernen und einen Kaffee mit dir zu trinken. Ich sollte deshalb ganz aus dem Häuschen sein. Seltsamerweise bin ich vor den Kopf geschlagen und enttäuscht, dass Molly nicht echt ist. Sie war mir wichtig geworden, und jetzt erfahre ich, dass es sie nie gegeben hat.“

Dani fühlte, wie ihre Augen glasig wurden. Jetzt gerade hasste sie es, dass sie ihre Gefühle nicht verbergen konnte. Wie gerne würde sie tough und cool bleiben. Was war los mit ihr? Nick Hollister! Hier mit ihr! Und sie trauerte darum, dass eine alte Dame aus dem Internet nicht existierte.

„Errr, ja, das ist genau der Grund, weshalb ich ein schlechtes Gewissen habe.“ Er spielte nervös mit seinen Fingern. „Sie war eine Freundin für dich, hmm?“

„Genau“, entfuhr es Dani. Sie zog ihre Augenbrauen zusammen und presste die Lippen aufeinander. Jetzt bekomme ich wegen dir mehr Falten, ging es ihr durch den Kopf. Nicks Mundwinkel folgten den ihren nach oben.

„Vielleicht können stattdessen wir Freunde sein“, sagte er schüchtern.

„Wir?“ Dani wollte den Gedanken nicht weiter verfolgen. „Wie könnte ich eine Freundin für dich sein? Ich verstehe das nicht.“

„Wieso nicht? Du bist doch auch Mollys Freundin, und im wahren Leben bin ich Molly.“ Er zog eine Brille aus der Hosentasche. Sie hatte ein breites Kunststoffgestell in Altrosa und bedeckte die Hälfte seines Gesichts. „Wie war es heute bei der Arbeit, meine Liebe?“, fragte er mit hoher Fistelstimme.