Leseprobe zu Regenbogen

Gay Pride in Erlen

An einem Samstag im Juni kam Bo von einer frühmorgendlichen Joggingrunde zurück und fand einen lauten Haufen geliebter Menschen um den großen Esstisch in ihrem Haus. Liz lachte mit Nick, während sie der gackernden Anna ein Brötchen bestrich und er für Nico das Marmeladenglas öffnete. Inmitten des Wirrwarrs saß Dani und las im „Erlener Express“, ihrer regionalen Tageszeitung. Bos Gesicht überzog ein glückliches Lächeln. Das war die Familie, die er liebte. Er schien alles bekommen zu haben, was er sich immer vom Leben erträumte, wenn auch auf eine Art, die er sich nicht hatte vorstellen können. Die warnende Stimme in seinem Hinterkopf ignorierte er.
Henry, Nicks Sohn, war ausnahmsweise aus dem Schweizer Internat für ein Wochenende zurückgekehrt, doch als der Teenager, der er war, würden sie ihn vor dem Mittagessen nicht zu Gesicht bekommen. Es fehlten nur Danis Töchter. Vicky war auf Musiktournee, nachdem das erste Album ihrer Band sich zumindest in Europa erfolgreich verkaufte. Elisa hatte vor einem Jahr ihren Wirtschaftsstudiengang in Kooperation mit einer Bank abgeschlossen und durchlief nun dort ein Traineeprogramm in der Vermögensberatung. Sie wohnte alleine in einer kleinen Dachgeschosswohnung in der Erlener City, die sie stolz ohne Hilfe ihrer Eltern finanzierte. Das war der Lauf der Welt: Erwachsene Kinder lebten ihr eigenes Leben. Bo freute sich, dass Elisa regelmäßig zu Besuch kam und ihr Haus Vicky noch immer als Heimatbasis diente, wenn sie nicht unterwegs war.
Im August würden sie ihrer Familientradition folgend für vier Wochen nach Schweden in den Sommerurlaub aufbrechen. Seine Kinder kamen mit, Nick und Dani sowieso. Liz und Henry schlossen sich jeweils für vierzehn Tage an, Elisa für sieben, Vicky brachte es bedauerlicherweise nicht in ihrem Terminkalender unter. Außerdem würden Elvira und sein Bruder Magnus tageweise zu ihnen stoßen, die in Göteborg lebten. Es war ein erhebendes Gefühl, Dreh- und Angelpunkt einer so außergewöhnlichen Familie zu sein.
Die Kinder wollten die Sonne nutzen, die endlich warm vom Himmel strahlte, und im Pool baden.
„Nicht direkt nach dem Frühstück!“, ermahnte sie Dani. „Spielt es erst etwas im Garten weg.“
Nico verzog leidend das Gesicht. Seine beinahe fünf Jahre jüngere Schwester war nicht der ideale Spielgefährte für ihn. Glücklicherweise ließ er sich immer wieder breitschlagen und beschäftigte sich mit ihr. Nachdem sich auch die deutlich älteren Kinder von Dani und Nick um ihn gekümmert hatten, stellte er nicht in Frage, dass Geschwister eine Einheit waren.
Als die beiden durch die Terrassentür nach draußen polterten, entfuhr den Erwachsenen ein kollektives erleichtertes Seufzen. Sie grinsten sich an und rückten ihre Stühle näher zusammen.
„Wisst ihr, dass heute die Gaypride-Parade mit anschließendem Straßenfest in Erlen ist, um die Vielfalt an sexuellen Orientierungen zu feiern?“, fragte Dani und legte die Zeitung beiseite.
Nick machte ein gespielt beleidigtes Gesicht. „Und keiner hat uns dazu gebeten?“
„Ich glaube, da wird man nicht eingeladen“, mutmaßte Liz. „Man geht einfach hin.“
„Ehrlich gesagt frage ich mich schon seit Jahren, warum die Veranstalter sich nie bei uns gemeldet haben“, warf Bo ein. „Das drängt sich doch fast auf.“
Mit ihrem Buch wollten sie ein Zeichen für Toleranz und Offenheit setzen. Eine Weile lang waren sie dadurch zu Ikonen der LGBT-Gemeinschaft geworden.
„Vielleicht hatten wir bisher nie Zeit dafür?“, warf Dani ein. „Seit dem Erscheinen des Buches fand das Ereignis doch erst zwei Mal statt.“
„Ja, haben sie denn versucht, mit uns in Kontakt zu treten?“, fragte Nick ungeduldig.
„Äh, ja, ich glaube schon“, gab Dani kleinlaut zu. In ihrem Trio befasste sie sich mit den PR-Anfragen, die bei ihnen direkt ankamen und nicht von der Agentur in England übernommen wurden, die den Musiker seit Langem vertrat. Durch die Verlagerung seines Lebensstils weg von den großen Bühnen hin zu Danis Heimatstadt landete inzwischen beinahe häufiger etwas bei ihr als in London. Bo beschäftigte derzeit nicht einmal mehr einen Agenten.
„Danke, das hättest du ja mal erwähnen können. Dafür finden wir Zeit. Dieses Jahr wäre es problemlos möglich gewesen“, meckerte Nick. Er schätzte die Unterstützung, die sie aus den Kreisen regelmäßig bekamen.
„Ist doch egal, was in der Vergangenheit war“, warf Bo versöhnlich ein. „Dieses Mal gehen wir hin und reden mit den Veranstaltern, wie wir uns in Zukunft einbringen können.“
„Macht das“, forderte Liz sie auf. „Ich bin ab etwa 18 Uhr im Club. Entweder, ihr seid bis dahin zurück, oder ich nehme Anna und Nico mit, und ihr holt sie ab.“ Neben Liz‘ Büro gab es einen offenen Spielbereich für die Kinder, für Notfälle stand dort ein Reisebett für das Mädchen und ein bequemes Sofa für den großen Bruder.
„Na, dann stylen wir uns mal“, schlug Dani vor.

Nachdem sie sich informiert und ausgetauscht hatten, beschlossen sie, erst am Nachmittag zum Straßenfest zu gehen. Der zentrale Platz in der City wirkte schon von weitem laut, bunt und fröhlich. Regenbogenfahnen wehten über ihren Köpfen, zahlreiche Buden winkten mit Kulinarischem oder Informationen, von einer Bühne erklangen Chansons. Alleine die vielen Sicherheitsleute, die der Veranstaltung Schutz boten, störten das Bild. Aufgrund seiner Erfahrungen blieb Bo nichts anderes übrig, als den Einsatz gut zu heißen. Ausgerechnet in Göteborg hatte ein moralischer Fanatiker während einer Lesung auf ihn geschossen. Das brachte ihm eine mehrstündige Notoperation im Krankenhaus und einige Wochen lästigen Heilungsprozesses ein.
Auf der anderen Seite hatten auch sie Security bei sich gehabt, die den Anschlag nicht verhindern konnte. Es war trotzdem gut zu zeigen, dass die Teilnehmer nicht wehrlos waren. Bo ärgerte sich über die Notwendigkeit.
Sie blieben stehen, um das Geschehen um sich herum zu erfassen. Die Vielfalt der Besucher gefiel ihm. Überwiegend standen gleichgeschlechtliche Gruppen beieinander, doch nicht ausschließlich. Die Stimmung war gelöst und ausgelassen. Die Leute um ihn schienen kein Problem damit zu haben, aufzufallen. Tattoos, Piercings, ausgefallene Frisuren in vielfältigen Farben, darunter auffallend viele attraktive Menschen. Bo, der selbst in der Regel gut aufgelegt war, sog die Laune auf. Er fühlte sich ausgesprochen wohl. Auch Dani und Nick wirkten entspannt und heiter.
„Habt ihr den Tisch in der Mitte gesehen?“, fragte Dani mit gesenkter Stimme und deutete unauffällig in eine Richtung. Dort saßen fünf weißhaarige Damen in konservativer Kleidung und altmodischen Brillen zusammen und unterhielten sich angeregt.
„Ob das wohl alles Lesben sind, oder ob sie wegen des günstigen Kuchens da sind?“
„Egal was“, erwiderte Bo lachend, „es ist toll, dass sie hier sind.“
An der ersten Bude gab es Cocktails. Nick stellte sich an, fragte Bo und Dani nach ihren Wünschen.
„Glaubst du, die verkaufen auch Wasser?“, antwortete sie. „Mir ist es noch etwas früh für Alkohol.“
Nick verdrehte genervt die Augen.
„Gestern habe ich nachmittags mit Vicky telefoniert“, erklärte sie. „Ich hatte den Eindruck, sie war betrunken. Das hat mich ziemlich geschockt und verdarb mir die Lust an einem frühzeitigen Cocktail.“
Bo konnte nachvollziehen, wie sie sich fühlen musste. Dani war eine Frau mit sehr strikten Vorstellungen, was Alkohol und Drogen anbelangte. Sie hatte immer versucht, ihren Töchtern ein entsprechendes Vorbild zu sein. Inzwischen war Vicky dreiundzwanzig Jahre alt, ihre Mutter hatte nur noch begrenzten Einfluss auf ihr Leben. Nun musste Dani erleben, dass die Werte, die sie hatte vermitteln wollen, nicht angekommen waren.
Nick dagegen beschäftigte ein anderes Detail.
„Hatte sie einen Auftritt gestern?“, fragte er ernst.
„Nein, es war ein Pausentag.“
„Na, dann …“
„Soll das heißen, es ist an Ruhetagen in Ordnung, sich volllaufen zu lassen?“, fragte Dani pikiert.
„Natürlich nicht“, versuchte er, sie zu beruhigen. „Aber es kann mal vorkommen, dass man sich gehen lässt. Auf so einer Tour stehst du einfach unter enormen Druck. Vor einem Konzert darf das allerdings nicht passieren.“
Dani runzelte die Stirn, schwieg aber ansonsten.
Als er an der Reihe war, erkannte der junge Mann hinter der Theke Nick. Er bat ihn leise um Diskretion. In den Zeiten als aktiver Musiker war er dunkelhaarig gewesen. Das Management hatte erwartet, dass er sich färben ließ. Sein inzwischen viel hellerer Schopf sorgte dafür, dass er nicht immer sofort erkannt wurde, doch die Erlener Mitbürger wussten, wie er heute aussah. Glücklicherweise wurde ihm zumeist genug Privatsphäre zugestanden.
Nick reichte einen Becher mit Mojito an Bo, gab Dani eine Wasserflasche und nippte selbst an einem Whiskey Sour. Da wurde sein Blick von einem Stand ein paar Meter weiter aufgefangen und er steuerte darauf zu.
„So ganz kann er sich nicht von der Vergangenheit lösen“, bemerkte Bo, als er das Schild „Verband lesbischer und schwuler Polizeibediensteter“ gelesen hatte.
„Das ist gut so“, stellte Dani fest. „Alle Schritte seines Lebens haben dazu beigetragen, wer er heute ist.“
Sie selbst ging weiter und suchte das Gespräch beim Schild ihrer bevorzugten Partei. Sie kannte eines der Gemeinderatsmitglieder dort.
Bo sah sich suchend um. Ein komplett in schwarz gehaltener Stand fesselte seine Aufmerksamkeit. Drei Menschen waren dahinter: Eine junge Frau im Gothic-Stil, die gerade volljährig wirkte, eine zweite um die dreißig im unauffälligen Jeanslook, die allerdings vier verschiedene Haarfarben trug, und ein schlanker Mann in den Vierzigern in Lederhosen und Muscle Top. Vor ihnen lagen zwischen Informationsmaterial zwei Peitschen, eine Gerte und ein Paddle.
Bo wurde wie magisch angezogen. Seine Hände griffen nach der Gerte.
„Ein schönes Vintagemodell“, bemerkte die Jeansträgerin und musterte ihn neugierig.
„Ja, eine Ähnliche habe ich zuhause“, antwortete Bo grinsend. Die Frau lächelte zurück. Nachdem Bo seinen Standpunkt zu erkennen gegeben hatte, blätterte er interessiert durch das ausgelegte Material und steckte mehrere Flyer ein. Die Bunthaarige schenkte ihm einen schwarzen Kugelschreiber und lud ihn zu einem BDSM-Stammtisch ein, der sich einmal im Monat traf.
„Sind bei euch nur Schwule und Lesben mit dabei oder auch Heteros?“, wollte Bo wissen.
Die Frau wirkte leicht brüskiert. „Alles. Es lebe die Vielfalt!“
Da bemerkte Bo endlich den Teenager, der sich neben ihm mit dem Gothicmädchen austauschte. Bo atmete scharf ein und hielt sich zurück, um nicht sofort herauszuplatzen. Henry! Er trat unauffällig aus dem Blickfeld des Jungen, um ein paar Sätze aufschnappen zu können. War das Mädchen eine Bekannte von ihm, oder was hatte ihn an diesen Stand gezogen?
Henry unterhielt sich nicht über alte Schulkameraden, sondern ausgiebig darüber, welche Spielarten es im Bereich BDSM gab. Himmel, der Junge war noch nicht einmal volljährig. Sollte er eingreifen? Aber vielleicht war er nur neugierig, etwas, dass bei ihm als Nicks Sohn nicht verwunderlich wäre. Dafür hätte der Vater bestimmt Verständnis.
Bo versuchte, sich dezent zurückzuziehen, als Henrys Blick zu ihm schwenkte. Sein Stiefsohn verstummte sofort, das Gesicht rötete sich.
„Bo? Was machst du hier?“
Das reizte ihn wiederum zu einem Lachen. „Du hast das Drehbuch falsch verstanden. Das sind meine Zeilen.“
Henrys Gesichtsfärbung konnte tatsächlich noch etwas dunkler werden. „Ich schaue mich nur mal um …“
„Ja, das habe ich gehört“, erwiderte Bo süffisant.
Das Gothicmädchen musterte sie neugierig. „Bo Heller und Nick Hollisters Sohn“, resümierte sie schließlich nach etwas Bedenkzeit. „Interessant.“
„Behalte es für dich“, wies er das Mädchen in der Hoffnung an, sie würde auf seine Dominanz reagieren und tun, was er sagte. Dann zog er den Teenager mit sich.
„Henry, wenn dich zu diesem Thema etwas bewegt, sprich mit mir.“
Der Junge sah ihn überrascht an. „Wieso … halt, nein, das will ich gar nicht wissen.“
Bo wand sich innerlich. Er liebte Ehrlichkeit, doch hier hatte sie zu ihrer beider Wohl eine Grenze.
„Ich hatte ein Leben, bevor ich deine Eltern kennenlernte.“
Ob Henry ihm glaubte, blieb offen, doch zumindest freute er sich über die Ausweichlösung, die Bo seiner Fantasie geboten hatte.
„Wie sieht es aus, willst du ihnen begegnen?“, fragte Bo.
„Eigentlich wäre das kein Problem, da kann ich zeigen, dass ich zu euch stehe“, sinnierte er. „Wo sind sie?“
„Wo Dani ist, weiß ich gerade nicht, aber Nick steht noch bei der Polizei.“
Tatsächlich schlenderte Henry möglichst cool zu ihm. Ihr außergewöhnlich gutes Eltern-Kind-Verhältnis war offensichtlich. Der Junge hatte es ihnen immer einfach gemacht.
Da entdeckte Bo Dani im Gespräch an einem der Tische. Er schlängelte sich in ihre Richtung, als ihm wenige Meter entfernt ein plötzlicher Stopp in der Bewegung der Menschenmasse auffiel. Eine junge, dunkelblonde Frau stand auffallend still. Bo blinzelte. Zuerst Henry, nun Elisa. Träumte er? Nein, die Kinder waren schon öfter in Berührung mit der Szene gekommen, wahrscheinlich besuchten sie im Gegensatz zu ihnen die Veranstaltung nicht zum ersten Mal. Dass sie nie etwas gesagt hatten? Ihr Sohn war zu jung, aber die Mädchen?
Er wollte schon zu ihr gehen, da hielt ihn ihr Gesichtsausdruck auf. Elisa war entsetzt und erschreckt, und der Grund war offensichtlich, dass sie Dani entdeckt hatte. Bo verstand das nicht. Warum sollten sie sich nicht ebenso entspannt begegnen wie Nick und Henry? Gut, das Mädchen hatte immer deutlich zu verstehen gegeben, dass sie es vorzöge, ihre Mutter lebte in einer konventionellen heterosexuellen Beziehung, am besten mit Bo. Aber sie würde Dani eine Freude machen, wenn sie ihr zeigte, dass sie offen für andere Lebensstile war. Wieso schreckte sie davor zurück?
Da legte ihr ein schmal gebauter junger Mann mit kurzen Haaren die Hände auf die Schultern. Elisa hob ihr Gesicht an und verzog missbilligend den Mund. Ihre Kopfbewegung wirkte wie die Aufforderung, nun zu gehen. Die beiden gehörten also zusammen. Sie drehten sich in eine andere Richtung und verließen den Platz. Dabei sah Bo die Person bei Elisa im Profil.
Kein Mann. Eine schlanke Frau in Jeans, T-Shirt und Lederjacke.