Die ersten drei Kapitel

1

Bo Heller lehnte sich zurück und legte seine langen Beine auf den Hocker vor ihm. Zufrieden schlug er das Buch auf der Seite auf, vor der sein Lesezeichen steckte. In letzter Zeit gönnte er sich einige faule, friedliche Abende. Mit bald neununddreißig Jahren neigte sich seine Partylöwen-Zeit dem Ende zu. Er ging nicht mehr wahllos jeden Abend aus, sondern nur noch, wenn ihm die Gesellschaft lohnenswert erschien. Die freien zehn Tage über Ostern verbrachte er in Göteborg. In den nächsten Tagen würde er mit seinem Bruder ein Bier trinken gehen. Er hatte vor, sich bei ein paar Leuten zu melden, die er aus seiner Praktikumszeit bei einer schwedischen Zeitung kannte, und hoffte, dass sie Zeit hatten. Ein Treffen mit einer Ex-Freundin, der Bo sich noch verbunden fühlte, wäre schön. Elvira, seine Mutter, bestand darauf, dass er auf einer Vernissage ihrer neuesten Kunstwerke mit dabei war. Sein Appartement in Schweden lag im Dachgeschoss ihres Hauses, angrenzend an ihr Atelier. Ansonsten plante er, im Park joggen zu gehen, am Meer zu wandern und endlich mit seinem Lesestoff auf das Laufende zu kommen. Als Journalist sollte er die Mischung aus Vergnügen und Fortbildung viel häufiger auf der Agenda haben. Das aktuelle Buch war allerdings reines Vergnügen, ein neuer schwedischer Krimi.

Das Mobiltelefon klingelte. Bo brummte missfällig. Wer rief ihn so spät an? Ärgerlich legte er das Buch beiseite. Er hatte bis nach Mitternacht gelesen, um der Auflösung des Falls näher zu kommen. Als er das Telefon in die Hand nahm, wurde seine Aufmerksamkeit von der Nummer gefangen, die darauf angezeigt wurde.

Simone rief ihn selten an. Sie war für das Catering bei seinem besten Freund Nick Hollister zuständig, der kurz vor Ende seiner Welttournee stand. Nick war ein erfolgreicher Musiker, der vor allem für seine gefühlvollen, melancholischen Songs bekannt war, für Frauenmusik. So war ein großer Teil seines Publikums weiblich, und Nick schöpfte aus dem Vollen, wenn ihm der Sinn nach Gesellschaft stand. Vor zwei Jahren hatte er geheiratet, es war nicht mehr jeden Abend der Fall, aus Bos Sicht jedoch noch immer zu häufig. Bo lag Dani, Nicks Frau, am Herzen, genaugenommen viel zu sehr. Ihre Toleranz gegenüber den Bettgeschichten ihres Mannes war ihm unverständlich.

Nichtsdestotrotz suchte er nach wie vor Nicks Gesellschaft. Auch auf dieser Tour hatte er einige Tage mit der Crew verbracht, vor allem aber mit Nick. Sie kannten sich seit acht Jahren. Ihr Verhältnis war schnell eng und vertraut geworden. Dass sie beide in dieselbe Frau, Eva, verliebt gewesen waren, hatte daran nichts geändert, ebenso wenig wie Bos intensive Zuneigung zu Dani, die er versuchte, verborgen zu halten. Dani wusste Bescheid. Seitdem er die Karten auf den Tisch gelegt hatte, war er allein mit Nick unterwegs gewesen. Sie hatte sich für Nick entschieden, so wie Eva damals für Bo. So oft bedauerte er, dass es nicht anders herum gewesen war, obwohl ihn mit Eva noch immer eine Freundschaft verband. Dani war etwas Besonderes, genau wie Nick.

Wenn Simone ihn anrief, konnte es nur um Nick oder Dani gehen. Sie hatten keine anderen Berührungspunkte. Die ältere Französin war eine Freundin von Dani. Einmal hatten sie alle einen gemeinsamen Urlaub in Sizilien verbracht, der Heimat von Danis Vater. Er mochte die herzliche und lebenskluge Köchin. Üblicherweise hatten sie sporadisch Kontakt an Geburtstagen, Weihnachten oder Neujahr. Etwas Ungewöhnliches musste geschehen sein.

„Bo? Wo bist du?“ Simone klang angespannt. „In Deutschland?“

Also musste es um Dani gehen. Simone hatte die Frage gestellt, da Bos Lebens- und Arbeitsmittelpunkt in Deutschland lag, wo sie lebte. „Nein, in Göteborg. Ist etwas mit Dani oder den Mädchen?“

Dani hatte zwei Töchter. Vor allem die zehnjährige Elisa lag ihm am Herzen.

„Nicht mit den Mädchen, aber mit ihrer Mutter Sie ist heute für Nick überraschend am Set angekommen. Der Trottel hat mit dem falschen Körperteil gedacht und war gerade mit einer anderen zugange. Schlimmer, er hatte das Mädchen schon eine Woche bei sich. Das war auch für Dani zu viel. Sie ist jetzt am Flughafen und wartet darauf, morgen eine Maschine nach München zu nehmen.“

„Oh Mist. Das musste ja einmal passieren.“ Er seufzte. Wenn er Nick in diesem Moment in die Finger bekäme, würde er ihm kräftig den Hintern versohlen.

„Sie hat es schwer getroffen, Bo. Ich mache mir Sorgen. Es sollte jemand bei ihr sein. Notfalls fliege ich zu ihr, aber hier kann ich ein Auge auf Nick haben. Ich hatte gehofft … Sie vertraut dir, weißt du.“

„Ich versuche, einen Flug zu bekommen.“

Erst am nächsten Tag, am Sonntag, konnte er nach Stuttgart fliegen. Seine Mutter hatte theatralisch reagiert, als Bo ihr klarmachte, dass er bei ihrer Ausstellungseröffnung nicht dabei sein würde. Das nahm er hin. Danis Krise wog schwerer, als dass sich seine Mutter mit seinem auch in der schwedischen Öffentlichkeit bekannten Gesicht schmücken wollte. Er liebte sie trotz allem, was er mit ihr hatte erleben müssen – zum Beispiel, dass sie sich dafür entschied, sich ihrer Kunst statt ihrer Kinder zu widmen, als er neun Jahre alt war, und sich seine Eltern getrennt hatten. Ihre Neigung zum Drama ging ihm manchmal unter die Haut. Bei ihr konnte er wenig tolerant sein, und so war er erleichtert, als er endlich im Flugzeug saß.

Am späten Nachmittag traf er in Erlen ein, dem Ort, in dem Dani mit den Kindern lebte. Nick hatte der Familie ein großes Haus gekauft, wohnte dort mit ihnen, wenn es seine Karriere zuließ. Zu Beginn seiner Ehe enthüllte er, dass aus einer früheren Affäre ein Sohn entstanden war, den er bis zu dem Zeitpunkt nicht gewürdigt hatte. Als er mit Dani und den Mädchen eine Familie fand, passte Henry auf einmal in sein Leben. Dani in ihrer unverständlichen Großzügigkeit hatte den kleinen Kerl aufgenommen und war ihm eine Mutter geworden. Seine biologische Mutter schien erleichtert zu sein, ihn loszuwerden, nachdem sie geheiratet hatte und erneut schwanger war. Bo war dem Jungen ein paar Mal begegnet und war voller Mitgefühl für ihn. Henry mit den Engelslocken, seiner Liebenswürdigkeit und der vertrauensvollen Offenheit wickelte ihn wie jeden anderen um den Finger. Vor einigen Wochen hatte er gehört, dass Dani den mittlerweile Fünfjährigen offiziell adoptieren konnte. Das gab ihm das Gefühl, es entwickelte sich gut im Familienleben Hollister-Fontana. Nun baute Nick Mist und setzte die Harmonie außer Kraft. Dieser Dummkopf.

Als Dani ihm die Tür öffnete, sah er zuerst ihre rot geweinten Augen. Sie weinte viel, doch das war anders. Reste von Make-up waren unter ihren Augen verschmiert, die dunklen Locken waren glanzlos und durcheinander, ihre Kleider sahen aus, als hätte sie darin geschlafen.

Er wusste nicht, was er sagen konnte. „Simone hat mich informiert“, schien nichtssagend.

Er nahm sie in die Arme, was er sonst vermied. Nun schien es ihm das einzig Richtige zu sein. Er wiegte sie hin und her, als würde er ein Kind beruhigen. Nach einer Weile fühlte er, wie sie sich entspannte. Da bog sie ihren Kopf zurück, sah ihn kurz an und presste ihre Lippen auf seine. Bos Widerstand bröckelte. Er wusste, er sollte das nicht tun. Nick bedeutete ihm wirklich etwas. Aber wie lange hatte er sich schon danach gesehnt, diesen Mund auf seinem zu fühlen? Er öffnete seine Lippen und hieß ihre Zunge willkommen. Ein heißes Gefühl breitete sich aus seiner Mitte in Richtung Brust und in Richtung seines Schwanzes aus. Bo rief sich verzweifelt Nicks Bild vor Augen. Es half nichts.

„Schlaf mit mir“, flüsterte Dani ihm ins Ohr.

Bo unterdrückte ein entsetztes Stöhnen. Was hatte er nur angerichtet damit, alleine zu ihr zu gehen? Das lief in die falsche Richtung. Er wollte die Ehe seiner Freunde nicht weiter belasten, er hatte Dani doch nur in ihrem Schmerz beistehen wollen.

„Ich weiß nicht, ob das gut ist“, versuchte er ohnmächtig, aus der Lage zu entkommen.

„Bitte, ich brauche dich jetzt.“ Die Verzweiflung in ihrer Stimme warf ihn endgültig aus der Bahn. Schließlich setzte er sie auf einen großen Tisch und begann, ihren Hals und ihr Dekolletee zu küssen.

Als sie ihre Hand in seine Hose schob und ihm „Fick mich“ zuraunte, konnte er nicht mehr widerstehen. Sein Körper reagierte sofort.

„Die Kinder?“, fragte er heiser.

„Ich bin allein.“

Bedächtig zog er sie beide aus. Ihr Körper war, wie er ihn sich vorgestellt hatte, ihre Brüste voll und schwer, ihr Bauch gerundet, ihr Hintern und ihre Schenkel üppig. Wie er sich freute, diesen Körper zu erobern, sich mit ihm zu vereinen. Er beachtete ihre Ungeduld nicht, schob den Gedanken an seinen Freund beiseite und genoss es, ihre nackte Haut auf seiner eigenen zu fühlen.


Anmerkung der Autorin: Nun wird es explizit in dieser Leseprobe. Deshalb überspringe ich hier im für alle zugänglichen Netz ein paar Zeilen und lade Euch ein, die ganze Geschichte zu lesen.

Wieder zu Atem gekommen, hob er den Kopf, noch immer in ihr. Er konnte nicht anders, als sie anzustrahlen. Ihr Gesicht zeigte einen warmen, glücklichen Ausdruck. Bo war ein Mensch, der viel lächelte, doch dieser Moment bedeutete ihm so viel mehr. Dani hatte so viel Liebe zu geben. Das berührte ihn, seit er sie vor drei Jahren kennengelernt hatte, wenn er sie mit Nick erlebte oder mit ihren Kindern. Er hatte sich immer danach gesehnt, daran Anteil haben zu dürfen, und nun fühlte er ihre Liebe mit seinem Körper und seiner Seele. Der Gedanke an Nick schoss ihm durch den Kopf. Scheiß auf Nick, dachte er trotzig, er verdiente sie nicht, mit all seinen Weibergschichten. Bo war nicht derjenige, der die Ehe als Erster gebrochen hatte.

Bedauernd zog er sich aus Dani zurück.

„Eines wollte ich noch klarstellen. Gefickt habe ich dich nicht.“

„Nicht?“ Sie sah ihn mit gespielten Zweifeln an. „Dann hatte ich gerade eine sehr lebhafte und befriedigende Vision.“

Er verteilte kleine, leichte Küsse um ihren Mund. „Ich habe dich gerade geliebt. Glaub mir, ich kenne den Unterschied.“

Du ahnst nicht, wie gut ich den kenne, ging es ihm durch den Kopf, als er ihr später im Schlafzimmer Tränen vom Gesicht küsste, während er sie im Arm hielt. Das hier ist so anders.

 

2

Als Nick den Juwelier verließ, ballte er die Hände zu Fäusten zusammen, wie häufig in den letzten Tagen. „Kauf ihr Schmuck, das hilft“, hatte sein Drummer Jan ihm geraten. Alle nahmen Anteil auf die unterschiedlichsten Arten. Simone und Steve, der ältere Tourmanager, hatten ihm den Kopf gewaschen, dass er zu weit gegangen war. Den Anblick der wütenden Simone, kochlöffelschwingend vor ihm, würde er nie vergessen. Von allen Seiten hagelte es Tipps, wie er Dani besänftigen sollte. Andere gingen ihm aus dem Weg. Sein Keyboarder Charlie zeigte seine menschlichen Qualitäten, indem er bei ihm war, ihm zuhörte, wenn Nick reden wollte, und mit ihm schwieg, wenn er es nicht wollte.

Er hätte nicht auf Jan hören sollen. Der Junge hatte doch selbst keinen Plan von Frauen. Dani trug Schmuck, aber es kam ihr nie auf den materiellen Wert des Stückes an. Alle ihre Schmuckstücke hatten eine Bedeutung für sie, symbolisierten ihre Liebe zu einem Menschen, einem Ort oder erinnerten sie an ein Ereignis. Egal, was er ihr kaufte, es würde sie an den Betrug erinnern. Ein Geschenk wäre die schlechteste Idee, die er umsetzen konnte, war ihm klar geworden, als der französische Juwelier ihm ein funkelndes oder schimmerndes Geschmeide nach dem anderen vorlegte. Die Preise stiegen in schwindelerregende Höhen, nachdem ihm eine Verkäuferin zugeflüstert hatte, wer der blasse Mann mit den zerzausten dunklen Haaren in T-Shirt und Sneakers vor ihm war. Einige Stücke davon hätten wunderbar zu Dani gepasst, erkannte er bedauernd. Nick war bisher nicht auf den Gedanken gekommen, ihr Schmuck zu schenken, außer ihrem Ehering. Hoffentlich würde er das nachholen dürfen.

Panik stieg in ihm auf, als er sich mit der Vorstellung konfrontierte, es könnte anders sein. Er fühlte, wie seine Mundwinkel zuckten und seine Augen glasig wurden. Bei Dani flossen die Tränen, sobald sie etwas emotional berührte. Bei ihm brauchte es mehr, doch auch er kannte die Momente, in denen er nicht mehr Herr über seine Gesichtszüge war. Er tat einen Schritt in die nächste Seitengasse und hämmerte mit der Faust gegen die Hauswand, bis Charlie, der ihn begleitete, ihm die Hand auf die Schulter legte. „Du musst heute Abend spielen können.“

Die Konzerte. Nicks erster, unausgereifter Plan war gewesen, Dani nachzureisen und seine Konzerte krankheitsbedingt abzusagen. Fünf wären es gewesen, zwei in Frankreich, drei in Spanien. Seine Managementagentur war Sturm gelaufen, es hätte zum Bruch führen können, wie ihm klargemacht worden war. Der Schadensersatz, den er hätte aufbringen müssen, wäre auch für ihn äußerst schmerzhaft gewesen. Er hätte die Jungs im Stich gelassen. Und so machte er weiter. Ein paar Tage musste er durchhalten und hoffen, dass die Trennung von Dani etwas Gutes bewirkte, statt alles zu verschlimmern.

Seine Schwester Liz war auf dem Weg von London zu ihm. Sie war wahrscheinlich die einzige Angestellte seiner Agentur, die ihn nicht im Stich gelassen hätte. Natürlich besorgte sie sich umgehend ein Flugticket. Er wusste, sie wäre notfalls zu ihm geschwommen, wie er auch für sie. Wahrscheinlich wäre Liz unterwegs fast ertrunken und hätte sich von einem bretonischen Fischer retten lassen müssen, worüber sie ihren albernen großen Bruder kurzzeitig vergessen würde.

Wieder nagte es an ihm. Wie konnte er sich nur so hinreißen lassen? Danis Regeln waren einfach. Warum gelang es ihm gleich mehrfach nicht, sich daran zu halten? Was hatte Renée nur an sich, das sie zu so etwas wie seinem persönlichen Kryptonit machte, das ihn von Superman in eine wertlose Niete verwandelte? Sie war aus mehreren Gründen ein Verstoß gewesen: Es war nicht das erste Mal mit ihr, sie war eine alte Bekannte. Auch dieses Mal hatte er mehrmals mit ihr geschlafen, schlimmer noch, sie war mit ihm gereist. Dani verlangte, dass er mit keiner Frau mehr als zweimal ins Bett ging und keine über Nacht blieb. Und ganz wichtig: Niemals, wenn Dani auf dem Weg zu ihm oder gerade abgereist war. Wie hatte er es nur verlernt, bis zwei zu zählen? Innerhalb Europas kam sie jedes zweite Wochenende, solange die Mädchen ihren Vater trafen. Wenigstens hatte sie dieses Mal Henry nicht dabei gehabt, der über die Osterferien seine leibliche Großmutter in der Schweiz besuchte. Die Mädchen waren mit Oliver verreist. Dani hatte bei ihm bleiben wollen, bis seine Tour zu Ende ging. Er hatte es gründlich vermasselt.

Nick verfluchte sich.

 

Nach der Probe sah er Liz, ernsthaft im Gespräch mit Steve in die Garderobe der Halle, in der sie spielten. Sie entdeckte ihn, rannte auf ihn zu und schlang ihre Arme um ihn. Nick klammerte sich an sie und vergrub sein Gesicht in ihren Haaren.

„Ich war so unglaublich dumm. Es tut weh.“

„Ich weiß“, murmelte sie, ohne darauf einzugehen, welchen der beiden Sätze sie damit meinte. Schweigend hielt sie ihn eine Weile, ehe sie sagte: „Dein Handy hat geläutet.“

Dani? Rief sie ihn endlich an? Bisher hatte sie alle Versuche, sie zu erreichen, auf die Mailbox gehen lassen. Aber ein Blick auf die Anrufliste zeigte ihm, dass es Martin gewesen war. Das konnte dennoch wichtig sein. Martin war ein alter Freund aus der Zeit, in der er als junger Mann bei der London Police gearbeitet hatte. Genau zum richtigen Zeitpunkt für Nick war sein Privatleben in die Krise geraten, und er konnte den Freund überreden, in seine Dienste zu treten. Nun war immer jemand bei seiner Familie und passte auf sie auf. Nick hatte zu viel Schreckliches als Polizist erlebt, als dass er seine Kinder und seine Frau, deren Leben durch ihn ins Rampenlicht gezerrt worden war, ohne Schutz lassen wollte.

Martin hatte Urlaub, nachdem Dani und die Kinder in verschiedene Richtungen auseinandergestoben waren. Er plante, ihn zum Teil in seinem Haus auf Nicks Grundstück in Erlen zu verbringen und zum Teil bei seinen Eltern und Geschwistern in England. Noch war er in Erlen, wo Dani war, wie er ihm bestätigt hatte. Nick rief sofort zurück.

„Martin? Was gibt es?“

„Kumpel, sitzt du?“

Ihr Verhältnis war vertraut genug, um auf überflüssigen Smalltalk zu verzichten. Vorsichtshalber ließ Nick sich auf einen Stuhl sinken. Es war besser, Martins Ratschläge zu beherzigen.

„Jetzt ja.“

„Der Schwede kam gestern Abend. Er ist noch da.“

Nick schoss das Blut in den Kopf. Sein Freund Bo, dem er sich nahe fühlte wie einem Bruder. Hätte er gestanden, hätte es ihm den Boden unter den Füßen weggezogen. Keine vorzeitigen Schlüsse, ermahnte er sich. Das Haus war groß und hatte Gästezimmer. Vielleicht wollte Bo nur helfen, er war ein guter Mann. Aber dann würde er Nick anrufen. Oder auch nicht, oft genug hatte Bo ihm klargemacht, wie wenig er davon hielt, dass er Dani nicht treu war. Vielleicht wollte er für sie da sein und verschwendete keinen Gedanken an Nick, den Mistkerl. Seine Fantasie begann ihm vorzugaukeln, auf welche Art der attraktive Bo, groß, blond und blauäugig, mit seiner positiven Ausstrahlung, für seine Frau da sein konnte. Er hatte von Anfang an vermutet, dass Dani Bo gefiel. Sie mochten dieselben Frauen.
Er bedankte sich bei Martin und verabschiedete sich.

„Liz!“, rief er verzweifelt. Sofort stand sie vor ihm, einen mitfühlenden Blick in den Augen.

„Kannst du nach Erlen gehen und etwas für mich überprüfen?“#

 

Bo lachte freudig auf, als er sich in Dani versenkte. Er war fast eine Woche bei ihr und selten hatte er so viel Spaß im Bett gehabt, wortwörtlichen Spaß. Sie lachten zusammen. Normalerweise war die Art von Sex, an der Bo seine Freude hatte, selten mit lachenden Frauen verbunden. Aber mit Dani war es schön auf diese Weise. Sie hatten ihre Körper erkundet, wie kleine Kinder die Welt entdeckten, mit unendlicher Neugier und einem Gefühl der Sensation. Bo wusste, dass er Frauen besonders viel Lust bereitete, wenn er

… auch hier: Nicht Jugendfrei. Deswegen gibt es diese Zeilen im ganzen Buch …

Auch Dani war davon beeindruckt. Sie ihrerseits faszinierte Bo mit der Heftigkeit und Leidenschaft, mit der ihr Körper auf ihn reagierte. Sie war laut im Bett, ließ ihn immer wissen, wie weit er sie gerade brachte, ohne vulgär zu wirken. Und sie lachte, wenn sie etwas erfreute. Bo konnte ihr viel Freude schenken.
Nun wollte er in ihr verströmen, wollte ihre Wärme mit seiner Wärme beantworten. Sensibel versuchte er, sie den Rhythmus bestimmen zu lassen, um erneut festzustellen, wie geil es ihn machte, sich mit ihr im Gleichklang auf den Wellen der Lust zu bewegen. Er fiel in ihr Stöhnen ein, während sie schneller und härter zusammen wurden. Noch einmal, noch einmal, tiefer, tiefer, das heiße Pochen und Prickeln im Unterleib, die Enge um seinen Brustkorb. Schließlich sein Sperma, das sich tief in ihr verteilte, ihn einen Teil ihres Körpers werden ließ. Wie gerne er sie vögelte, nein, Liebe mit ihr machte.

Sie sah ihn lange an, während er sacht seine Fingerspitzen über ihre Schultern gleiten ließ. Ihr Gesicht war friedlich, entspannt und glücklich. Nachdem sie in den ersten Tagen manchmal geweint hatte, erfüllte es ihn mit großer Zufriedenheit, sie so zu sehen. Sein Verdienst, er hatte diese wunderbare Frau glücklich gemacht. Anfangs trieb ihn die Loyalität zu beiden, zu Nick und zu Dani, noch dazu, Nicks Namen anzusprechen in dem Versuch, ihr bei ihrem Problem beizustehen. Sie stoppte ihn jedes Mal. Nach einer Weile ließ er es erleichtert bleiben.

Dani föhnte sich im Badezimmer ihre Haare, die, wie vieles an ihr, so üppig waren. Bos Handy kündigte den Eingang einer SMS an. Simone hatte wieder geschrieben. Mit schlechtem Gewissen dachte er an ihre letzte Nachricht zurück. Zunächst hatte er sich bei Simone gemeldet.

„Bin bei Dani. Alles in Ordnung. Ich bleibe in ihrer Nähe.“

Einen Tag später war ihre Antwort eingetroffen.

„Wie nah bist Du ihr? Nick weiß, dass Du dort bist. Er schickt Liz, um nachzusehen.“

Bo hatte nicht geantwortet und Dani nicht gewarnt. Als Liz tatsächlich vor ihrer Tür erschien, stellte sich seine Geliebte tot und ignorierte die Versuche der Schwägerin, mit ihr zu sprechen. Er ging davon aus, dass Liz und damit Nick Schlüsse ziehen konnten.

Nun schrieb Simone:

„Ich weiß nicht, was da genau zwischen Euch läuft, aber Nick glaubt, es zu wissen. Er ist auf dem Weg nach Erlen.“

Natürlich. Die Konzerte waren beendet. Auf die geplante Party zum Tourabschluss, zu der auch Bo hatte kommen wollen, verzichtete Nick. Was nun? Dani lenkte ihn ab, als sie, nur in Unterwäsche gekleidet, ins Schlafzimmer kam. Würde er ihr sagen, wie sexy sie in ihrer schwarzen Baumwoll-Unterwäsche aussah, würde sie ihn auslachen. Ihr Körper war fern der gängigen Schönheitsideale, alleine ihre Sanduhrsilhouette erfüllte annähernd die Vorstellung. Aber sie strahlte eine so selbstverständliche Natürlichkeit und damit eine so ursprüngliche Sexualität aus, dass Bo fühlte, wie er hart wurde, obwohl er sie erst vor einer halben Stunde gehabt hatte.

„Wie wäre es mit einer Runde im Fitnessraum?“, versuchte er, auf andere Gedanken zu kommen.

„Ich nehme an, du meinst Sport damit und nichts anderes?“, antwortete sie aufreizend. Für die Frechheit ließ er ihr das Handtuch auf den Hintern schnalzen, das er nachlässig auf einen Stuhl gelegt hatte. Sie lachte.

Bo legte Wert darauf, regelmäßig seine Fitness zu trainieren. Das Ergebnis war ein wohlgeformter, muskulöser Körper, der anerkennende Blicke einbrachte. Nicht nur deshalb fühlte er sich wohl darin. Abgesehen davon, dass er keine Rücken- oder Schulterschmerzen kannte, gab es ihm das Gefühl, auf seinen Körper vertrauen zu können. Es war Bo wichtig, Verlässlichkeit in seinem Leben zu haben, und sei es nur durch sich selbst.

So war er froh darüber, dass Nick einen passabel ausgestatteten Raum im Keller hatte, um sich fit zu halten. Nick musste auf der Bühne energievoll und agil wirken, auf einer Tournee beinahe jahrelang. Er durfte sich nicht gehen lassen. Dani nutzte die Geräte, um ihre zur Fülle neigenden Maße zu kontrollieren.

Mit Bo zusammen trainierte sie gerne mehr als sonst. Er hatte sich im Laufe der Zeit genug Kenntnisse angeeignet, um ihr sinnvolle Tipps geben zu können. Es war eine sinnliche Angelegenheit, sich mit ihrem Körper auseinanderzusetzen. Natürlich berührte er sie lieber und zeigte ihr mit seinen Händen, was sie verbessern musste, als es ihr zu sagen. Ihre Blicke gefielen ihm, wenn er seinen Körper vorteilhaft präsentierte, indem er ihren Blick auf seinen Hintern lenkte oder sein T-Shirt hochrutschen ließ und seinen makellosen Bauch entblößte. Einmal hatte er anschließend überprüft, wie feucht ihr Höschen war, und sie waren ineinander verschlungen zuckend auf einer Matte gelandet. Deshalb war ihre Frage nicht unberechtigt gewesen.

Heute jedoch absolvierten sie brav ihr Programm. Dani mochte nicht besonders sportlich sein, Bo konnte jedoch anerkennen, dass sie an sich arbeitete. Unter ihrem weichen Fleisch hatte er wohltrainierte Muskelpartien bemerkt, ihr Beckenboden begeisterte ihn mehr als in einer Hinsicht.

Sie hatten in ihrer Sportkleidung etwas gegessen und lagen nun aneinander gekuschelt auf dem Sofa.
Er hörte, wie die jemand zur Haustüre hereinkam. Nick. Er hatte es verdrängt. Eilig sprang er auf und stellte sich vor Dani. Er wusste nicht, was Nick im Sinn hatte, aber zuerst musste er es mit Bo aufnehmen.

 

3

Manchmal liebte Nick die Autobahnen in Deutschland. Er hatte sich am Flughafen in Stuttgart den schnellsten Sportwagen gemietet, der vor Ort war. Viel zu schnell jagte er die Straße entlang. Er wusste, auf der weiteren Strecke würde die Geschwindigkeit begrenzt sein. In den letzten Jahren war er häufig genug hier entlang gefahren und kannte die Regeln. Er würde sich heute nicht daran halten, jedoch etwas langsamer fahren.

Bo und Dani, Dani und Bo. Die beiden Menschen in seinem Leben, denen er am meisten vertraute. Natürlich wusste er, dass er derjenige gewesen war, der als erstes Danis Vertrauen gebrochen hatte. Trotzdem, die Vorstellung, die beiden schlossen sich zusammen und er wäre ausgeschlossen, verursachte einen heftigen Schmerz in seinem Inneren.

Das Auto ließ er vor der Haustür stehen, und stürmte hinein. Bo und Dani, die sich auf dem Sofa in den Armen lagen. Etwas schien in ihm zu zerbrechen. Er stürzte los. Bo stellte sich vor Dani. Dachte der Blödmann, er würde seiner Frau etwas tun? Er warf sich mit voller Wucht auf Bo und ihn damit zu Boden. Nick wollte ihm wehtun, wollte ihn leiden lassen. Er holte aus und ließ seine Faust in Bos Gesicht krachen.

Bo versuchte, sein Gesicht zu schützen, während Nick darauf einschlug. Die Wut gab ihm Kraft. Warum wehrte sich dieses Arschloch nicht? Doch dann warf sich Bo mit einem Ruck herum und schüttelte Nick ab. Der Unterschied von mehr als einem halben Kopf gab ihm einen deutlichen Vorteil. Doch Nick war schneller, war früher auf den Füßen. Er holte aus und trat Bos Wange.

Das schien ihn aufzurütteln. Bo warf sich auf ihn, sie krachten gegen die Wand. Dort begann ein zähes Ringen. Nick wusste genau, was er tun müsste, um Bo außer Gefecht zu setzen, seine größere Kraft hin oder her. Dann würde er jedoch aufhören müssen, ihm weh zu tun. Genau das brauchte er aber.

Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren, als sie endlich nach Atem ringend innehielten. Dani reichte ihnen Mullbinden, um ihre Blutungen zu stillen. Nicks Nase blutete, Bo hatte eine Wunde am Auge. Sie wirkte verstört, als wäre sie kurz davor, die Fassung zu verlieren.

Im Moment war es Bo, der seine Aufmerksamkeit fesselte.

„Meine Frau! Ich dachte, du wärst ein Freund!“

„Ja, aber nicht nur deiner“, fuhr Bo ihn an. „Seit drei Jahren sehe ich dabei zu, wie du sie betrügst, und sie dabei mitmacht, dir aber immer treu ist. Und dabei sage ich mir, dass du sie zuerst gefunden hast und sie dich will.“

Nick hatte es gewusst. Bo hatte Dani schon lange gewollt. „Ohne mich würdest du sie gar nicht kennen! Ich habe Eva und dich immer respektiert, und was machst du? Nutzt die erste Krise, um Dani ins Bett zu bekommen! Was für ein Schwein bist du?“

„Eva? Lass sie da raus. Du hättest sie einmal durch dein Bett gezogen. Ich war zweieinhalb Jahre mit ihr zusammen!“

Nick war außer sich, als er dieses Argument hörte. „Dani und ich sind verheiratet und seit drei Jahren zusammen!“

„Dann behandle sie auch so!“

Wütend starrten sie sich an. Nick hatte die Worte erwartet und wusste, er verdiente sie. Von Bo hätte er sie grundsätzlich akzeptieren können. Aber nun wollte er ihm seine Frau wegnehmen, das Wichtigste in Nicks Leben, abgesehen von seinem Sohn.

„Da ich der Meinung bin, dass ich in gewisser Weise beteiligt bin, finde ich, ich sollte mitreden dürfen“, mischte sich Dani vorsichtig ein. „Nick, ich hatte immer gedacht, ich halte das aus, und denke, es wäre noch weiter gut gegangen, aber dass du sie statt mich an deiner Seite hattest, kann ich nicht ertragen. Ich war verzweifelt und hilflos, so verletzt. Bo kam, um mich zu trösten. Ich habe ihn ins Bett geholt, nicht er mich. Zuerst wollte ich sicher Rache, aber dann habe ich festgestellt, dass er mir dabei hilft, zu heilen. Er ist gut für mich. Ich schlafe durch, wenn er bei mir ist.“

„Trösten … ich weiß auch wie“, Nick hatte das Gefühl, innerlich aufgefressen zu werden. Als er sich besann, fragte er: „Ich bin nicht gut für dich? Kannst du bei mir nicht schlafen?“

„Ich bin mir nicht mehr sicher, ob du gut für mich bist. Und du weißt genau, dass wir immer wieder gemeinsam wach sind. Das hat auch seinen Reiz, ich fühle mich nicht allein, aber gesünder scheint es mir zu sein, durchzuschlafen. Aber so oder so glaube ich nicht, dass ich ohne dich leben kann. Du bist meine andere Hälfte. Ein halbes Leben kann ich nicht leben. Trotzdem ist Bo gerade besser für mich.“

Nick versuchte, sich zusammenzunehmen. Er wusste, er musste ihr entgegenkommen. „Was denkst du, wie lange das geht?“

„Ich weiß nicht. Im Moment kann ich kein Ende erkennen.“

„Du musst eine Entscheidung treffen“, forderte Bo Dani auf.

Nick fühlte sich herausgefordert und versuchte, sie auf seine Seite zu ziehen, wobei ihn die Angst überfiel, er könnte scheitern. „Dani, wir haben eine Familie! Ich liebe nur dich. Es gibt andere Körper in meinem Leben, aber keine anderen Herzen.“

„Ich weiß, Nick. Lasst mir ein paar Tage Zeit.“

Nick glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen. Wozu brauchte sie Zeit? War es nicht offensichtlich, was die einzig richtige Entscheidung war? Er konnte es nicht fassen, dass sie darüber nachdenken musste.

„Wie stellst du dir das vor? Sollen wir beide im Hotel wohnen und du holst uns abwechselnd und probierst aus, mit wem es dir bessergeht?“

Auch Bo schien den Vorschlag kaum akzeptieren zu können, seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen.

„Das Haus ist groß, es gibt genug Gästezimmer. Wir sollten auch herausfinden, ob wir Freunde bleiben können. Bleibt beide.“

Es war unglaublich. Was für eine Art Wohngemeinschaft stellte sie sich vor?

„Dani, du bist verrückt!“, sprach Bo seine Gedanken aus.

„Ja. Aber das wisst ihr.“

Wieder fühlte Nick den Schmerz in seinem Inneren. Wie oft hatten sie gescherzt, dass sie auf dieselbe Art und Weise verrückt waren? Aber das hier war nicht seine. Er fühlte sich ihr fremd.

„Vielleicht sollte ich doch zum Arzt“, schlug Bo irgendwann vor.

 

Sie blieben. Am nächsten Abend sah Bo sich zusammen mit Nick ein Fußballspiel an, ein Freundschaftsspiel als Testlauf für die nächste WM. Genau genommen war Bo der Verlauf egal, er war nur froh, dass weder Schweden noch England mit dabei waren. So waren sie sich darüber einig, die Deutschen anzufeuern.

Der Tag hatte ihn erschöpft. Er hatte nie gewusst, in welche Richtung er seine Gefühle lenken sollte, es war ein ständiges Hin und Her gewesen. Angefangen beim gemeinsamen Frühstück, bei dem sie phasenweise locker miteinander redeten und lachten, während in anderen Phasen Nick wieder zornig über ihn herfiel. Sie ließen sich auf ein weiteres Kämpfchen ein, das allerdings spielerisch blieb. Aus der guten Laune heraus beschlossen die beiden Männer, gemeinsam laufen zu gehen. Martin begleitete sie. Immer wieder bauten Nick und Bo Sprints ein, in denen sie gegeneinander antraten. Martin blieb zurück. Es wunderte Bo, dass Nick trotz seiner kürzeren Beine am Ende oft die Nase vorne behielt.

Später hatten sie sich beide ins Zeug gelegt, um Dani davon zu überzeugen, die bessere Wahl zu sein. Natürlich führte Nick die Kinder und die gemeinsame Basis an. Doch Bo war der Überzeugung, dass er Dani endlich den Respekt entgegenbringen konnte, den sie brauchte. Trotzdem ging es ihm schlecht dabei, dass Nick, der ihm trotz allem etwas bedeutete, der Leidtragende wäre. Dani schien noch weit von einer Entscheidung entfernt zu sein.

Und nun die Gemeinsamkeit beim Fernsehen. Sie stießen mit ihren Bierflaschen an, jubelten zusammen auf, ärgerten sich gemeinsam. Sie waren eine Einheit. Er musterte Nick unsicher von der Seite. Sein Anblick war etwas, das er gerne sah. Das hatte sich nicht geändert. Egal, wie das hier ausgehen würde. Die Vorstellung, Nicks Freundschaft zu verlieren, machte ihn traurig.

 

Als Bo am nächsten Tag in den Spiegel sah, untersuchte er sein Gesicht. Die blauen, grünen, gelben und violetten Stellen ließen sich überschminken, die Schwellungen würden bei Kameraaufnahmen für seine TV-Show schlecht wirken. Ob sie ohne ihn arbeiten und eine Reportage alleine vorbereiten konnten? Natürlich hätte er das Team auch begleiten können. Aber er wollte diese Situation hier so gerne lösen und sich dafür Zeit nehmen.

Nach zwei Telefonaten war er froh, dass er sich bis zum Ende der Woche von Arbeit freigeschaufelt hatte. Einen Auftritt in einer Talkshow hatte er abgesagt, was zu finanziellen Einbußen führte. Aber das hier war wichtiger.
Er ging vom Gästezimmer im zweiten Stock in die Küche im Erdgeschoss, um sich einen Kaffee zu holen. Auf der Treppe begegnete ihm Nick. Dani schien noch zu schlafen.

Bo warf ihm einen finsteren Blick zu, als sie sich mit ihren Tassen entgegenstanden.

„Schwede, mit dem Gesicht machst du mir wirklich Angst. Jetzt noch ein Bart und du kannst den bösen Wikingerhäuptling spielen.“

Nick schien gute Laune zu haben. Seltsam.

„Gut, ich mache dir gerne Angst.“

„Schon vorbei, sobald du etwas sagst, nutzt sich der Effekt ab“, alberte Nick. „Deine Stimme ist viel zu freundlich. Das müsstest du trainieren.“

„Stimmübungen, da müsstest du mir doch weiterhelfen können“, versuchte Bo, ebenso locker darauf einzugehen.

„Ich weiß nicht, ob ich dir bei irgendetwas helfen will“, sagte Nick mit einem provozierenden Grinsen.

„Viel gibt es nicht, was ich von dir lernen könnte. Wie man schnell wieder zu einer normalen Gesichtsfärbung kommt, kannst du mir offensichtlich nicht zeigen“, stieg er darauf ein. „Vielleicht sollte eher ich dir zeigen, wie man mit Frauen umgeht.“

Nick blieb gelassen. „Für meine Kompetenz in dem Bereich hätte ich genug Zeuginnen.“

„Quantität ist nicht dasselbe wie Qualität.“

„Schade aber auch. Wobei, bei der Qualität müssen wir uns auf Dani verlassen. Hast du schon etwas aus ihr herausbekommen?“

Bo sah ihn überrascht an. Stammte dieser Satz von seinem Freund oder seinem Rivalen? Im Zweifelsfall war es seine Angewohnheit, vom besten auszugehen, also dem Freund.

„Nein, habe ich nicht. Du?“

„Nein“, seufzte Nick. „Wie sie wohl zum Ergebnis kommt? Was denkst du, Pro- und Contra-Listen?“

„Keine Ahnung.“ Bo schüttelte grinsend den Kopf und sah erwartungsvoll zu Nick. In solchen Fällen kam meistens noch eine amüsante Bemerkung von ihm. Er täuschte sich nicht.

„Vielleicht bereitet sie ein Casting mit verschiedenen Kategorien vor. Beim Sex gewinne ich, beim Tanzen du, wer bringt sie wohl am besten zum Lachen?“

Bo kicherte. „Erstens: Du hast keine Ahnung, wie gut ich im Bett bin, hier sind wir wieder beim Gegensatz von Quantität und Qualität. Und beim Thema Lachen müssen wir wahrscheinlich verschiedene Unterkategorien finden. Du bringst die besseren Sprüche, ich die besseren Erlebnisse.“

„Dann muss wohl das Kitzeln entscheiden.“

Sie kicherten, als Dani zur Tür hereinkam und ihnen einen befremdeten Blick zuwarf.

„Ihr habt Spaß zusammen?“, fragte sie, als sie Tee zubereitete.

Später baute Bo Energie ab, indem er selbstvergessen trainierte. Nick kam nach kurzer Zeit dazu und trainierte ebenso schweigend. Konnte er nicht warten, bis Bo fertig war? Doch zu seinem Erstaunen störte ihn die Anwesenheit nicht. Scheinbar konnte nicht einmal die Spannung, um eine Frau zu kämpfen, ihre Vertrautheit ganz außer Kraft setzen.

Nach dem Mittagessen brachten sie Dani noch einmal die Argumente näher, die jeweils für sie sprachen. Es war ermüdend und nervenaufreibend. Allmählich sollte sie sie erlösen.