Bonustrack

Spoilergefahr! Diese Geschichte ist das Dessert zu „Zimt und Zitrone“

 

Charlie ging zufrieden die Treppe aus der U-Bahn-Station hinunter. Er hatte einen lukrativen Auftrag an Land gezogen. Ein aufstrebender, junger Sänger hatte ihn als Keyboarder für sein zweites Album gebucht. In drei Wochen ging es los. Der Ausflug nach London hatte sich gelohnt. Nachdem Nick Hollister seine Karriere offiziell beendet hatte, war es an der Zeit, weiterzuziehen. Schade, dass seine Frau Jenny und die Kinder nicht mit ihm in die City kamen. Die Jungs hatten Schule und mussten in Schottland bleiben.

Am Bahnsteig ließ er den Blick über die Wartenden schweifen. Ein Mann fesselte seine Aufmerksamkeit. Konnte das sein?

„Dan?“

Der Angesprochene sah ihn an. Sein Gesichtsausdruck wandelte sich von erstaunt über freudig zu betroffen. Charlie strahlte den früheren Kollegen an. Dan war zwölf Jahre Nicks Leadgitarrist gewesen. Gemeinsam hatten sie ihn auf Studioaufnahmen und Liveauftritten begleitet, hatten sein Leben auf Tour geteilt. Sie hatten sich nahe gestanden. Charlies Wiedersehensfreude und Überraschung brach in einem Lächeln durch.

„Danny Boy! Gut dich zu sehen! Brauchst du Urlaub von der thailändischen Sonne?“

„Hi Charlie, was für ein Zufall. Kein Urlaub, ich lebe in der Nähe.“

„Oh! War es nichts mit dem Hotel in Thailand? Hast du Zeit, was trinken zu gehen? Ich könnte Gesellschaft gebrauchen, um einen Deal zu feiern. Gerade habe ich dich als Wunschkandidaten ausgewählt. Wie wäre es?“

Dan trat von einem Bein aufs andere, sein Blick war verlegen. Charlie lachte.

„Komm schon! Um der alten Zeiten willen! Ich lade dich ein!“

„Na gut, lass uns was trinken.“

 

Minuten später hatten sie einen Pub gefunden. Die Gespräche der Touristen und Einheimischen bildete einen diffusen Geräuschteppich. Sie ließen ihre Pintgläser aneinanderklirren.

„Du hast einen neuen Job an Land gezogen?“, fragte Dan.

Bereitwillig berichtete Charlie. Er endete mit einer Frage:

„Und du, bist du zurück im Geschäft?“

Dan brummte verneinend.

„Das ist nichts mehr für mich.“

„Was machst du stattdessen?“

„Ich bin Miteigentümer eines B&B in Cambridge. Da gibt es immer Bedarf an Betten, der Flughafen Stansted ist nah.“

„Was ging in Thailand schief?“

Mit der Begründung, dort ein Hotel zu eröffnen, hatte sich Dan von den Musikern verabschiedet.

Er zuckte ausweichend mit den Achseln und nahm einen Schluck aus seinem Glas.

„Dieses und Jenes. Bist du noch in Kontakt mit Nick?“

Dans Stimme klang bemüht beiläufig. Charlie war derjenige von Nicks Begleitband, der den besten Draht zu ihm hatte.

„Regelmäßig. Ich mag den Kerl.“

„Wie geht es ihm?“

„Gut, gut! Du hast mitbekommen, wie es bei ihm weiterging, nachdem du verschwunden bist? Er und Dani haben tatsächlich eine Art Hochzeit zu dritt mit Bo gefeiert. Auf der letzte Tour begleiteten uns Bo, Dani und Bos Kleinkind-Sohn. Währenddessen schrieben sie ein Buch über ihre Dreisamkeit, das sie gerade vermarkten. Langweilig wird ihm nicht. Dafür sorgt er. Seinen Abschied aus der Musik erklärte er uns damit, dass es ihm zu gut geht, um weiter melancholische Musik zu machen, und was anderes kann er nicht.“ Charlie lachte.

„Gut, dass ich die Kurve gekratzt habe“, murmelte Dan.

„Warum? Mir war es egal, mit wem er ins Bett geht. Hast du ein Problem damit, dass es ein Mann ist?“

„Ich? Sicher nicht.“

„Dass er mit zwei gleichzeitig zusammen ist, ist nichts Neues. Nur daran, dass er feste Bindungen eingeht, musste ich mich gewöhnen. Ich mag die beiden, Dani und Bo.“

Charlie wartete ab. Dan ging nicht auf das Thema ein. Charlie versuchte nochmals, mehr darüber zu erfahre, was der Gitarrist erlebt hatte.

„Was ist in Thailand geschehen?“

Dan runzelte die Stirn und trank sein Bier in einem Zug aus. „Auch noch eines?“

Als er mit zwei Gläsern zurückkam, rutschte er unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Er schien mit sich zu ringen. Offensichtlich wollte er nichts erzählen. Charlie war es unangenehm, gefragt zu haben, und suchte nach einem eleganten Themenwechsel. Da stieß Dan hervor:

„Ich war nie in Thailand.“

Charlie verschluckte sich.

„Wie bitte? Das hast du mir doch selbst gesagt!“

Er rief sich das Telefonat mit Dan ins Gedächtnis zurück. Gerade hatte er Nicks Einladung zu seiner Dreier-Feier mit seiner Frau und dem Schweden erhalten und wollte mit jemanden drüber reden. Dan war als langjähriger Weggefährte ebenfalls eingeladen worden. Er wirkte abwesend und bat Charlie, Nick zu sagen, dass er ausstieg und in Thailand Hotelier werden würde. Charlie hatte die Nachricht weitergegeben.

„Ich wollte nicht, dass Nick mich sucht. Das war ein unsinniger Gedanke. Ich war bedeutungslos für ihn.“

Charlie fragte sich, in was er hineingeraten war. Was war mit dem Kerl los? Er hatte nur die Gesellschaft eines Freundes gesucht. Ach was, er hatte sie nicht gesucht, er hatte die Chance ergriffen, als sie sich ihm antrug. Es hatte nur ein netter Abend werden sollen. Wie kam er aus der Sache wieder heraus? Unruhig sah er sich um.

„Red keinen Unsinn.“

„Das ist kein Unsinn.“ Dans Blick war starr. „Zwölf Jahre meines Lebens habe ich neben ihm gestanden, seine Musik präsentiert, Background gesungen. Ich war die Gestalt neben Nick Hollister, deren Namen kaum einer kannte. Der bedeutungslose Sidekick. Ich war viel mehr seine zweite Hälfte als ihr, denn oft reichten schon zwei Gitarren aus, um seine Lieder zu spielen. Das wäre mir alles egal gewesen, wenn er mir gezeigt hätte, dass ich von Bedeutung bin. Das war ich nie. Als er mit dieser Frau ankam, die meinen Namen trug, ist ihm nicht einmal aufgefallen, was das für ein Zufall war. So lange waren Nick und Dan eine Einheit gewesen, nun gab es nur noch Nick und Dani.“

Charlie konnte nicht anders, er lachte.

„Du redest von seiner Frau! Das lässt sich nicht vergleichen.“

„Nein, wohl nicht“, gestand Dan ein. „Damit konnte ich leben. Es blieb nicht bei der Frau.“

„Es geht um Bo?“

Die Erinnerung an seine kleine Schwester und die Dramen, die sie veranstaltet hatte, wenn Freundinnen sich mit anderen Mädchen anfreundeten, kamen Charlie in den Sinn. Dan hatte er als einen ruhigen und zurückhaltenden Kollegen kennengelernt. Er war still der Mann neben Nick gewesen, hatte in seinem Schatten gestanden. Anders ausgedrückt: Er war Nicks Schatten gewesen, schweigend und immer an seiner Seite.

Charlie hatte angenommen, dass Dan zufrieden damit war, nicht in der ersten Reihe des Ruhms zu stehen. Würde er sich darüber beschweren, nicht unter eigenem Namen erfolgreich zu sein, hätte Charlie Verständnis aufbringen können. Er selbst hatte es genossen, seinen Lebensunterhalt auf den großen Bühnen der Welt mit Musik zu verdienen, ohne seine persönliche Freiheit opfern zu müssen, konnte eine andere Sichtweise jedoch nachvollziehen.

Was Dan zum Ausdruck brachte, war etwas anderes. Befremdet betrachtete er den Gitarristen.

Dans Wangen röteten sich. Verlegen lachte er.

„Ich klinge wie ein Teenager, tut mir leid. Es war Zeit zu gehen.“

Charlie versuchte, das Gehörte zu verarbeiten.

„Ich verstehe das nicht …“. Ein Gedanke drängte an die Oberfläche. „Du klingst wie ein verliebter Teenager.“

„Unglücklich verliebt“, murmelte Dan.

Charlie starrte ihn an. Er konnte nicht fassen, was er hörte. Das musste er falsch verstanden haben.

„Du bist in Nick verliebt?“

Dan stand auf, ging zur Theke. Mit zwei Gläsern Scotch kehrte er zurück.

„Ich wollte euch das nicht wissen lassen. Mit Abstand muss es wohl heraus. Es schien hoffnungslos. Sich in einen Mann zu verlieben, der Frauen wie Briefmarken sammelt … aber dann verspricht er einem Mann, sein Leben mit ihm zu teilen. Es war Zeit zu gehen.“

„Du stehst auf Männer?“ Charlies Stimme klang hoch.

„Stört dich das?“

„Nein. Ich wusste es nicht. Hattest du nicht deinen Anteil an Groupies?“

Dan zuckte mit den Achseln.

„Weniger als ihr. Ansonsten habe ich getan, was man von mir erwartete.“

„Ich kann es nicht fassen …“

„Wer könnte das? Nick ist ein Arschloch. Selbstsüchtig, ständig sein Vergnügen im Sinn, rücksichtlos.“

„Wieso …?“

„Wieso ich ihn liebe? Wer tut das nicht?“

Charlie trank seinen Scotch. Wie bekam Nick so viele Menschen dazu, ihn zu lieben?

Er selbst war glücklich mit Jenny, wollte sein Leben mit keinem anderen Menschen teilen. Männer reizten ihn nicht.

Wenn er ehrlich zu sich war, gestand er sich ein, auch er liebte Nick. Körperlich zog er ihn nicht an, doch als Mensch war er ihm so kostbar wie kaum ein anderer.

Was hatte er an sich?

„Soll ich ihm etwas von dir ausrichten?“, fragte Charlie, um das Schweigen zu brechen.

„Auf keinen Fall.“

Hinter der Theke lief eine Nachrichtensendung auf einem Fernsehgerät. Wie ein Magnet fesselten zwei Porträts die Aufmerksamkeit der beiden Männer: Nick und Bo.

„Wo wir von ihnen sprechen … Wie haben sie sich nun wieder ins Gerede gebracht?“, murmelte Charlie.

Der Ton des Geräts war unverständlich. Die unscharfen, wackeligen Bilder einer Handykamera erschienen.

Nick, auf einem Stuhl neben Bo und Dani. Er springt auf und stürzt sich in eine Menschenmenge. Ein Ruck, der durch Bo geht, als hätte er einen Stoß auf die Brust bekommen. Bo, der zusammenbricht.

„Mein Gott …“